Zehdenik in Brandenburg : Hobbyschiffer dumm aufgelaufen

Auf der Havel hängen Freizeitkapitäne an sechs wegen Hochwasser geschlossenen Schleusen fest. Zwischen Liebenwalde und Fürstenberg ist der Schiffsverkehr auf 45 Kilometern Länge komplett gesperrt.

von
Vor der Schleuse Liebenwalde zwischen Berlin und der Müritz brauchen die Hobbyschiffer Geduld oder einen Autotrailer, um sich abholen zu lassen. Foto: dpa
Vor der Schleuse Liebenwalde zwischen Berlin und der Müritz brauchen die Hobbyschiffer Geduld oder einen Autotrailer, um sich...Foto: dpa

Zehdenick - Ungewöhnlicher Lärm von der Schleuse schreckte Freitagmittag das Havelstädtchen im nordöstlichen Brandenburg auf. So lange wie möglich drückten die Freizeitkapitäne großer und kleiner Jachten sowie mehr oder weniger komfortabler Hausboote auf die Sirene oder schlugen die Schiffsglocke. „Endlich frei“ rief eine Frau eines mit der Berliner Flagge geschmückten Bootes den Menschen auf der Schleusenbrücke zu. Die antworteten mit einem herzlichen Winken. „Wir kennen jetzt Zehdenick in- und auswendig“, meinte sie erleichtert mit einem vielsagenden Lächeln. Doch rasch gab ihr Mann am Steuer genau wie die Kapitäne auf den anderen Booten Vollgas. Mehr als acht Tage hatten die Boote hier wegen des starken Hochwassers festgehangen.

Ein Dutzend Schiffe konnte die Schleuse Zehdenick ausnahmsweise passieren, viele andere Familien haben nicht so viel Glück. Sie müssen auf ihren Booten weiter nördlich in Fürstenberg oder südlich von Zehdenick auf einen Rückgang des Wassers und damit die Öffnung der Schleusen warten. Das kann bis zu 14 Tage oder auch länger dauern. Der ständige Regen hat das Haveleinzugsgebiet an der Müritz und die ganze Mecklenburgische Seenplatte in einen riesigen Schwamm verwandelt. Der drückt das Wasser in die Havel.

„An ein derartiges Hochwasser kann sich bei uns niemand erinnern“, sagt Hans-Jürgen Heymann, Chef des zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamtes in Eberswalde. „Wir sprechen schon von einem Jahrhundertereignis, jedenfalls für die eigentlich unauffällige und träge Havel.“ Zwei Zahlen verdeutlichen die Dramatik. Gewöhnlich bewegt sich der in der Nähe der Müritz entspringende Fluss mit einem Abfluss von vier bis fünf Kubikmetern Wasser pro Sekunde vorwärts, derzeit schießen aber gleich 33 Kubikmeter Wasser stromabwärts.

Die Folgen der heftigen Niederschläge lassen sich nicht nur an überfluteten Kellern und Feldern, sondern auch an nicht mehr funktionierenden Schleusen erkennen. „Wir mussten die Schleusen südlich von Fürstenberg in Bredereiche, Zaren, Schorfheide, Zehdenick, Bischofswerder und Liebenwalde sperren“, teilte Amtschef Heymann mit. „Auf rund 45 Kilometer Länge ist damit die Havel in Brandenburg komplett für die Schifffahrt gesperrt.“ Die Schleusen seien durch Treibgut gefährdet und würden für ein schnelles Ablaufen der Wassermassen gebraucht. Die kurzzeitige Wiederinbetriebnahme der Zehdenicker Schleuse sei nur dank einer kurzfristigen Schließung des Wehres in Zehdenick möglich geworden. Das werde so schnell nicht wieder möglich sein.

Die festsitzenden Skipper in Fürstenberg brauchen weiter Geduld. „Am Montag muss ich wieder am Schreibtisch in der Firma sitzen“, erzählte ein ziemlich nervös wirkender Mann aus Thüringen. „Wir wollten schon seit vier Tagen in Berlin sein. Nun müssen wir das Schiff hier liegen lassen und mit dem Zug weiterfahren.“ Wer kann, bestellt ein Auto mit einem Trailer für den Transport des Schiffes über die Straßen. Ganz gelassen nehmen es zwei holländische Familien im Rentenalter. „Eine Woche halten wir noch aus, dann haben wir hier wirklich jeden Winkel zu Fuß oder mit dem Rad erkundet“, erzählt der Hobbyschiffer.

Mit der Sperrung der Havel gibt es für die Bootsbesatzungen jetzt nur noch einen Weg zur Seenplatte und zur Müritz: Über die Elbe bis Dömitz und dann über die Müritz-Elde-Wasserstraße in Richtung des größten deutschen Binnensees.

Auch in anderen Gebieten zeigen sich die Folgen des vielen Regens. So fürchtet die Havelstadt Rathenow eine Störung der Fernwärmeversorgung für 2700 Wohnungen, nachdem wegen des hohen Grundwasserstandes die Isolierung der Rohre gelitten hat. Im Spreewald herrscht derzeit ebenfalls eine hohe Strömung. In Lübben musste deshalb das Kahnstechen erneut abgesagt werden, normale Kahnfahrten finden noch statt.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben