Berlin : Zehlendorfer Mieter haben Angst vor Heuschrecken

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Die Senatorin spricht unterkühlt, reiht Zahlen aneinander, schaut mit steinerner Miene in die überfüllte Dorfkirche Zehlendorf. Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) versucht gar nicht erst, zwischen dem Zorn der Menschen und der Ausweglosigkeit der Tatsachen zu vermitteln. Heimatverein und evangelischer Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf haben zur Diskussion geladen. Es geht um die Folgen des Verkaufs städtischer und bundeseigener Wohnungen an global agierende Finanzinvestoren, Firmen wie „Cerberus“, „Fortress“ oder „Oaktree“, die manche als Heuschrecken bezeichnen. In Zehlendorf geht es um zwei Siedlungen, die mal gebaut wurden, um Menschen mit kostengünstigem Wohnraum zu versorgen: die Onkel-Tom-Siedlung an der Argentinischen Allee und die Hüttenwegsiedlung, inzwischen semantisch zum „Parkviertel Dahlem“ aufgewertet.

Am Hüttenweg ist nichts mehr so, wie es war. Dachgeschosse wurden ausgebaut, neue Häuser auf Freiflächen gesetzt, Wohnungen modernisiert. Das Ergebnis: Erhöhungen der Kaltmiete um rund 30 Prozent. In der Onkel-Tom-Siedlung werden Gasetagenheizungen durch Fernwärme ersetzt – für den Mieterverein eine unsinnige Investition auf Kosten der Bewohner. Viele Mieter seien Rentner und fürchteten um ihre Existenz, sagt eine Sprecherin der Onkel-Tom-Siedlung. Viele Jüngere seien schon weggezogen.

Ingeborg Junge-Reyer spricht von einem insgesamt entspannten Wohnungsmarkt, „preiswerter als in Hamburg oder München“, von 100 000 leerstehenden Wohnungen, vor allem in Marzahn-Hellersdorf. Da flammt der Zorn wieder auf. „Na, toll!“ – „Soll sie doch dahin ziehen!“

In Zehlendorf gibt es keine städtischen Wohnungen mehr, in Reinickendorf und vielen Ost-Bezirken dagegen mehr als genug. Diese Wohnungen wolle man behalten, versichert Junge-Reyer. Mehr sagt sie nicht, aber die Zehlendorfer haben verstanden. Vor steigenden Mieten kann die Politik sie nicht bewahren. Zum Schluss verteilt der Mieterverein Infozettel, wie man sich wehren kann. Vor Gericht. Loy

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