Berlin : Zehn Jahre Gefängnis für Überfall und wilde Verfolgungsjagd auf der Autobahn

kf

In Belgrad hatte sich der Mann nie etwas zu Schulden kommen lassen. In Berlin geriet der Unternehmer, der hier lediglich Bäckereimaschinen kaufen wollte, schon bald in den Strudel der Ereignisse: Erst zum Glückspiel verführt, später zum Überfall gezwungen. Und dann übte sich der Familienvater noch als Geiselnehmer und Geisterfahrer - und endete als Gefangener. "Mein Verhalten ist unentschuldbar", sagte Stojan C. am Dienstag vor dem Landgericht.

Die Richter verurteilten den Jugoslawen zu zehn Jahren Freiheitsstrafe. Der 45-Jährige hatte ein umfassendes Geständnis abgelegt. In seinem Urteil sprach das Gericht von einer "Verzweiflungstat" des verschuldeten Mannes. Er hatte am 30. März 1999 eine Wilmersdorfer Postfiliale in der Mainzer Straße mit Bombenattrappe und Pistole überfallen und dabei 300 000 Mark erbeutet. Nachdem der Belgrader einige Warnschüsse abgegeben hatte, zerrte er eine 27-jährige Kassiererin in sein gestohlenes Fluchtauto, ließ sie aber wenig später wieder frei. Die Geiselnahme sei eine "Kurzschlussreaktion", sagte Stojan C. vor Gericht.

Anschließend flüchtete der Kleinunternehmer in Richtung Hamburg. In Niedersachsen wurde dann eine Großfahndung ausgelöst, nachdem er auf einem Parkplatz ein Taxi geraubt hatte. Der ersten Straßensperre entging Stojan C.: Er sah das Hindernis, wendete und fuhr auf derselben Fahrbahn zurück. Dabei rammte der Geisterfahrer zwei Autos - nur durch Glück wurde dabei niemand ernsthaft verletzt. Nach einer wilden Verfolgungsjagd mit weiteren Unfällen konnte man den 45-Jährigen stellen: Die Polizei hatte Barrikaden auf der Autobahn errichtet. Bei dem Zusammenstoß waren ein Polizist, dessen Wagen in Flammen aufgegangen war, und der Angeklagte selbst schwer verletzt worden.

Stojan C. sagte vor Gericht, dass zwei Landsleute ihn ins Glückspiel hineingezogen hätten. Als er ihnen rund 50 000 Mark schuldete, habe man ihn gezwungen, die Post zu überfallen. Nach Angaben des Angeklagten hatten die Männer das Postamt ausgesucht, ihn mit der Bombenattappe ausgerüstet und die ganze Zeit beobachtet. Nach seiner Festnahme waren sie allerdings spurlos verschwunden. Der Verteidiger von Stojan C. sagt, dass sein Mandant bis heute in Angst vor den beiden Landsleuten lebe. Ende letzten Jahres sei seinen Eltern zur Drohung ein Brief mit Munition zugeschickt worden.

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