Berlin : Zehn Jahre jung und 225 Jahre alt

Die jüdische Schule in der Großen Hamburger Straße feiert Jubiläum. Für ihre Schüler ist sie ein Stück Freiheit

Dagmar Rosenfeld

Wenn eine Schule in Berlin Jubiläum feiert, dann werden der Eingang und die Aula geschmückt. Wenn eine jüdische Schule in Berlin Jubiläum feiert, dann werden am Eingang Sicherheitskontrollen errichtet und vor der Aula wird ein Polizist platziert. Dann erzählen ehemalige Schüler nicht nur davon, wie es war, als sie noch hier unterrichtet wurden, sondern sie erzählen auch von Verfolgung, Emigration und Mord. Weil es ein Teil ihrer Geschichte ist – und Teil der Geschichte ihrer Schule.

Es ist dennoch ein fröhliches Fest, die Jubiläums-Feier der Jüdischen Oberschule in der Großen Hamburger Straße. Die Schule feiert ihr zehnjähriges Bestehen und gleichzeitig auch ihre Gründung vor 225 Jahren. Sie feiert mit Musik und Tanz. Und wie selbstverständlich gesellt sich zu der Freude die Erinnerung an das Leid von Millionen von Juden. Da ist etwa der Steinway-Flügel, auf dem ein Musiklehrer den Schulchor begleitet, ein Flügel aus dem Jahr 1894, einer der wenigen Gegenstände aus dem Schulgebäude, der nicht von den Nationalsozialisten vernichtet wurde. Und da sind die Worte des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Berlin, Alexander Brenner, der vom Zufall spricht, dem die Schüler hier ihr Leben zu verdanken haben – dem gleichen Zufall, der ihre Eltern und Großeltern hat überleben lassen.

Gegründet wurde die Schule 1788 von Moses Mendelssohn. Es war die erste jüdische Schule in Berlin, eine Schule, in der jüdische Kinder in ihrer Religion und in ihrer Sprache unterrichtet wurden. Die Nationalsozialisten schlossen 1942 die Schule und machten aus ihr ein Sammellager für Juden, die deportiert werden sollten. In der Nachkriegszeit war in dem Gebäude eine Berufsschule untergebracht, bis dann vor zehn Jahren die jüdische Schule wiedereröffnet wurde. Eine Schule, an der neben den üblichen Fächern auch Hebräisch, Religion und jüdische Geschichte unterrichtet wird. Und eine Schule, die wie schon vor 225 Jahren auch von nichtjüdischen Kindern besucht wird, für die Religion und Hebräisch ebenso Pflichtfächer sind.

Moishe geht in die 10. Klasse. Er trägt einen dunklen Anzug und auf dem Kopf eine Kippa aus schwarzen Samt. Er ist mit dem Schulchor aufgetreten. „Die Gedanken sind frei“, haben sie gesungen. Er hat auch den Gesang von Kantor Itzhak Sheffer gehört, mit dem der ermordeten Juden im Zweiten Weltkrieg gedacht wurde. „Es ist gut, dass die Vergangenheit jedesmal erwähnt wird, neben aller Freude gehört das Gedenken einfach dazu“, sagt er.

Moishe geht erst seit anderthalb Jahren auf die jüdische Oberschule. Vorher war er auf einer staatlichen Gesamtschule. Da hat er sich nicht wohl gefühlt, weil er seinen Glauben dort nicht wirklich leben konnte. „Hier fühle ich mich frei“, sagt Moishe über seine Schule – eine Schule, die aus Sicherheitsgründen mit einem meterhohen Sicherheitszaun abgeriegelt ist. Die Freiheit, von der Moishe und sein Schulfreund Jakov sprechen, beginnt bei alltäglichen Kleinigkeiten. Etwa, dass sie an jüdischen Feiertagen selbstverständlich schulfrei haben. Auf der anderen Schule, da brauchte Moishe jedesmal eine Entschuldigung, und wenn es ganz dumm lief, dann wurde an diesem Tag auch noch eine Klassenarbeit geschrieben, die er dann nachholen musste.

Freiheit bedeutet für die Schüler aber auch der Umgang miteinander. „Wir sind hier wie Bruder und Schwester“, sagt Jakov. Debora, eine hübsche Frau mit dunkelblonden Locken, nickt. Sie gehört zu dem ersten Abijahrgang und kommt immer wieder gerne an ihre ehemalige Schule zurück. Vielleicht auch, weil sie sich an der TU, wo sie Architektur studiert, manchmal ein wenig einsam fühlt, wie sie sagt. „Die Schule ist für mich immer ein Stück Familie geblieben.“

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