Berlin : Zehn Minuten gesprüht, zehn Jahre abbezahlt

Christian Nohr

Aufgeschlitzte Sitze, zerkratzte Scheiben, mit Graffiti besprühte Wagen: in den Berliner U- und S-Bahnen ein schon alltägliches Bild. Allein die S-Bahn gibt jedes Jahr mehr als 15 Millionen Mark aus, um Vandalismus-Schäden zu beseitigen. Die meisten Täter bleiben unerkannt. Aber wenn die Sicherheitskräfte doch einen der zumeist jugendlichen Schlitzer, Kratzer oder Sprayer erwischen, kommt den das teuer zu stehen.

"Wir stellen jedem Täter die Sachbeschädigungen in Rechnung," sagt Ingo Priegnitz von der S-Bahn. "Da kommen schnell einige Tausend Mark zusammen. Allein die Scheiben in den neuen Zügen kosten bis zu 3000 Mark." Die rechtlichen Ansprüche der S-Bahn seien 30 Jahre gültig. "Auch wer jetzt die Strafe nicht bezahlen kann, irgendwann verdient er Geld", sagt Priegnitz. Meistens würden Ratenzahlungen vereinbart oder die Eltern übernähmen die Rechnung.

Am frühen Sonnabendmorgen gegen 4 Uhr war es wieder einmal soweit: Bei der Polizei ging ein Anruf des BVG-Ordnungsdienstes ein. Unbekannte Personen seien in der Aufstellanlage des U-Bahnhofs Uhlandstraße gesehen worden. Dort werden U-Bahnzüge über Nacht abgestellt. Obwohl die Züge in einem Tunnel stehen, war es zwei Graffiti-Sprayern gelungen, in die Anlage einzusteigen. Sie besprühten 65 Quadratmeter eines U-Bahnzugs. Als die Polizei auf dem Bahnhof eintraf, konnte einer der beiden Sprayer festgenommen werden. Der zweite Täter entkam unerkannt. Wie die Polizei später mitteilte, kennen die Beamten der Ermittlungsgruppe Graffiti den festgenommenen 18-jährigen Sprayer bereits von frühren Straftaten. "Er ist einer der bekanntesten Sprayer der Stadt, auch wenn er das am Montag in einem Zeitungs-Interview abgestritten hat", bestätigte Frank Worm von der Ermittlungsgruppe Graffiti.

Wenn ein Sprayer festgenommen wird, durchsucht die Polizei seine Wohnung. "Dort können wir oft Fotos oder Entwürfe einzelner Werke sicherstellen", sagt Worm. Die Marotte der Sprayer, ihre Arbeiten teilweise sogar auf Video zu dokumentieren, hilft den Ermittlern. Zusätzlich sind die Werke oft mit so genannten "Tags" signiert - Namenszügen, aus denen die Mitglieder der Sprayer-Szene erkennen können, von wem das Graffito stammt. Hat die Polizei einmal ein "Tag" einem Sprayer zugeordnet, können dem Betreffenden schnell viele Graffiti nachgewiesen werden.

Wenn die Geschädigten Anzeige erstatten, werden die Sprayer auch strafrechtlich verfolgt. "Graffiti gelten als Sachbeschädigung", sagt Justizsprecherin Michaela Blume. Die meisten Täter sind allerdings minderjährig. Ersttäter werden oft nur ermahnt oder zu gemeinnütziger Arbeit herangezogen. Frank Worm hält das Strafmaß für zu niedrig. Er steht mit seiner Meinung nicht allein. Auch der Senat wollte Sprayer schärfer bestrafen. Aber eine entsprechende Bundesratsinitiative wurde abgelehnt.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben