Berlin : Zehn Monate Haft auf Bewährung für Polizisten

Der Oberkommissar nahm seinen Zustand gar nicht mehr wahr. Er sei „nicht wissentlich alkoholisiert“ im Dienst gewesen, gestand der Polizeibeamte, der sich gestern vor dem Amtsgericht wegen eines Angriffs auf einen Obdachlosen verantworten musste. Es wurde im Prozess nicht erörtert, ob seine Kollegen von der Sucht nichts bemerkt oder ob sie Scheu hatten, ihn anzusprechen. Zu Reaktionen seines Umfelds jedenfalls kam es erst, nachdem der 45-Jährige grundlos den Obdachlosen mit Pfefferspray attackiert hatte. Der Alkoholismus habe sein Wesen verändert, sagte Ralf M. und bedauerte sein Verhalten. Er und weitere Polizisten waren am 30. Dezember 2006 zum U-Bahnhof Fehrbelliner Platz gerufen worden. Als ein angetrunkener Stadtstreicher den Bahnsteig nicht verlassen wollte, sprühte ihm M. Pfefferspray ins Gesicht. Um dies zu vertuschen, verfasste er eine Anzeige gegen sein Opfer.

Der unzulässige Einsatz wäre wohl nicht untersucht worden, da der Stadtstreicher schnell das Weite gesucht hatte. Doch es gab zwei anonyme Anzeigen – zum Teil im „Polizeijargon“. M. ging zwei Wochen nach seinem Ausraster zu seinem Dienstherren und offenbarte sein Alkoholproblem. Der Beamte kam in die Obhut des Sozialdienstes der Polizei. Nach einer Langzeitentwöhnung konnte er seinen Dienst wieder aufnehmen. Wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt sowie Verfolgung Unschuldiger wurde er zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Zudem muss M. zwei Jahre lang monatlich 250 Euro (insgesamt 6000 Euro) an die Wohnungslosentagesstätte „Warmer Otto“ am Zoo zahlen. Ein Disziplinarverfahren steht noch bevor. K. G.

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