Berlin : Zehn Monate schulfrei

Kind blieb einfach zu Hause – und niemand reagierte

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Ein neunjähriger Junge aus Spandau ist zehn Monaten nicht zur Schule gegangen – und weder Schule noch Verwaltung haben reagiert. „Schwierigkeiten bei der Kommunikation“, wird nun als Grund für die peinliche Panne genannt. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Bildung habe der Schulleiter angenommen, dass der zuständige Schulrat eine Schule für den Jungen suche, nachdem der Vater einen Wechsel gewünscht hatte. Der Schulrat wiederum habe geglaubt, dass der geistig behinderte Schüler weiterhin die Spandauer Schule am Gartenfeld besuche.

Der Fall war gestern durch einen Bericht des RBBStadtradios 88acht bekannt geworden. Demnach hatte der Vater den Jungen im Dezember 2003 von der Schule genommen. Zur Begründung gab er an, dass die Pädagogen ihn nicht rechtzeitig informiert hätten, als sein Sohn von einer Mitschülerin im Gesicht verletzt worden sei. Der Vater habe dann auf Rat der Schule einen Termin mit dem Schulrat des Bezirks gemacht, der ihm – nach seiner Sicht erfolgreich – dazu geraten habe, seinen Sohn wieder in die Schule zu schicken.

„Da der Junge weiterhin nicht in der Schule auftauchte, ging der Schulleiter davon aus, dass der Schulrat für ihn eine andere Schule gefunden habe“, sagte gestern Rita Hermanns, Sprecherin von Bildungssenator Klaus Böger (SPD): „Offenbar gab es Schwierigkeiten bei der Kommunikation untereinander“, schlussfolgert Hermanns. Der Vater wandte sich schließlich an die BVV Spandau gewandt. Eine Bezirksverordnete habe dann für einen Termin im Jugendamt gesorgt, das den Fall in der Schulbehörde in Erinnerung gebracht haben soll. Die Sommerferien verzögerten eine Lösung weiter. Erst vor wenigen Tagen wandte sich Spandau an die Schulaufsicht in Charlottenburg-Wilmersdorf, eine Ersatzschule zu suchen. Angeblich ist inzwischen so gut wie sicher, dass der Junge nach den Herbstferien die Arno-Fuchs- Schule für geistig Behinderte besuchen kann.

Der Fall des Spandauer Jungen ruft Erinnerungen an einen Fall in Cottbus wach. Auch dort waren Schule und Schulamt davon ausgegangen, dass sich die jeweils andere Seite um den Schulbesuch eines sechsjährigen Jungen kümmert – der zu dem Zeitpunkt schon lange tot war. Gegen Schulaufsicht und Schulleitung laufen Disziplinarverfahren.

Auch Senator Böger schließt in dem aktuellen Fall disziplinarische Konsequenzen nicht aus. Er erwartet jetzt von den zuständigen Stellen nähere Erklärungen über den Hergang. sve

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