Berlin : Zehn Sekunden Glück

Der Roman „Berlin Cantata“ von Jeffrey Lewis führt durchs alte und neue jüdische Leben der Stadt.

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Foto: promo
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Es sind nur zehn Sekunden auf einem alten Schwarz-Weiß-Film. Holly Anholt ist fasziniert: Die zehn Sekunden zeigen ihre Eltern, wie sie sie noch nie gesehen hat: glücklich. Die Filmszene wurde in den dreißiger Jahren gedreht, irgendwo an einem See außerhalb von Berlin. Vater und Mutter sind jung, steigen aus einem Boot, ein Sommertag, leicht und fröhlich.

Als Holly mit ihrer betagten Mutter auf Einladung des Senats nach 60 Jahren für ein paar Tage zurückkommt nach Berlin, will diese nicht zu dem Haus am See fahren, so sehr die Tochter auch drängt. Ist die Erinnerung zu schmerzlich?

So beginnt der Roman „Berlin Cantata“ von Jeffrey Lewis über jüdisches Leben in Berlin in den neunziger Jahren. Lewis, preisgekrönter amerikanischer Drehbuchautor und Schriftsteller, ist in den USA als Sohn russischer Juden aufgewachsen. Eine Notiz in der „New York Times“ über Juden und Restitutionsansprüche in Berlin inspirierte ihn, Anfang der Neunziger lebte er selbst eine Weile hier. Damals lernte er Juden kennen, darunter eine Menge schräger Vögel, und hat sie zu 13 Charakteren verdichtet. Da ist der alternde Holocaust-Überlebende, der nach dem Krieg mit Prostitution und Immobilien zu Geld gekommen ist und eine junge Russin heiratet. Da ist der Überlebende, der sich ein Leben als Widerstandskämpfer angedichtet hat und in illegale Finanzgeschäfte verwickelt ist. Es gibt Stasi, alte Nazis, neue Antisemiten.

Manches im Roman erinnert an reale Orte: das Haus am See zum Beispiel. Im Roman gehört es dem DDR-Schriftstellerverband, und nicht nur Holly Anholt, sondern auch eine Nazifamilie erheben Ansprüche darauf. Das passt auf eine Villa am Majakowskiring in Pankow, in dem in den neunziger Jahren die „Literaturwerkstatt“ residierte. Und natürlich kommt die Wannsee-Villa vor, in der die Vernichtung der Juden geplant wurde, wie auch das ehemalige Scheunenviertel. Doch vieles bleibt im Klischee stecken: Zum Beispiel Nils, der deutsche Reporter, in den sich Holly verliebt. Er ist irgendwie von Schuldgefühlen getrieben, und am Ende „vergibt“ Holly ihm seine gefühlte Schuld. Alles ist ständig hochdramatisch – und bleibt gerade dadurch oft an der Oberfläche. Etwa wenn Holly den Grund für die Suche nach der Familiengeschichte einmal damit erklärt, dass sie nicht weniger „als wieder zur menschlichen Rasse dazugehören möchte“.

Natürlich steckt in vielem ein Kern Wahrheit. Die Erinnerung an den Holocaust ist präsent in Berlin. Auch junge Juden, die hier studieren und arbeiten, vergessen die Vergangenheit nicht, egal, ob sie in Berlin, Moskau oder Tel Aviv aufgewachsen sind. Und doch ist eine Leichtigkeit hinzugekommen, die im Buch nicht vorkommt. Für junge Israelis ist Berlin attraktiv wie nie, das Leben ist entspannt, und die Mieten sind billiger als in anderen Großstädten. Auch die Vielfalt religiösen Lebens fehlt in „Berlin Cantata“. Jüdisches Leben ist bunter geworden und findet nicht nur in schrillen Tönen statt. Ein Fortsetzungsroman wäre dringend nötig.Claudia Keller

„Berlin Cantata“ ist auf Englisch im Verlag Haus Publishing erschienen (16,99 Euro). Lewis stellt den Roman am 23. Mai, 19 Uhr, in der Galerie Fuchs vor (Auguststr. 11, ehem. Jüdische Mädchenschule).

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