Berlin : Zehn-Zentner-Bombe hatte zwei Zünder - Schule und 90 Wohnhäuser geräumt

Werner Schmidt

Polizeifeuerwerker enschärften gestern Mittag erfolgreich eine Zehn-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg am Geraer Ring in Marzahn. Der Blindgänger war am Morgen von einem 31-jährigen Baggerfahrer im Erdreich gefunden worden. Während der Entschärfung der amerikanischen Fliegerbombe vom Typ "Demo 1000" wurde die Umgebung im Umkreis von etwa 500 Metern abgesperrt. Die unmittelbar anliegende Falken-Grundschule musste den Unterricht einstellen, Schüler und Lehrer die Gebäude verlassen. Ebenso mussten nach Auskunft der Polizei die Bewohner von etwa 90 Gebäuden ihre Wohnungen kurzzeitig räumen. Der Verkehr auf der S-Bahnlinie 7 wurde für 45 Minuten zwischen 12 Uhr und 12.45 Uhr unterbrochen. Um 12.37 Uhr ertönte ein lauter Knall von dem Baugelände, und eine Staubwolke schoss in die Höhe. Gleich darauf wehte der Wind den Geruch von Sprengstoff über das Areal. Der Blindgänger war entschärft.

Der Baggerfahrer Olaf Krage aus Kremmen war gegen 7.45 Uhr auf der Baustelle dabei, Mutterboden zu sieben, als er mit der Schaufel auf etwas Hartes stieß. Als er den etwa 1,30 Meter langen und 45 bis 50 Zentimeter durchmessenden Metallkörper freigelegt hatte, wurde ihm bewusst, dass es sich um eine Bombe handelte.

Vermutlich haben Kinder ahnungslos jahrelang auf dem Blindgänger gespielt, denn auf dem Gelände stand ursprünglich eine Kindertagesstätte. An der Stelle, wo die Bombe gefunden wurde, befand sich früher offenbar die Spielwiese. Aber dort wurde die 500-Kilo-Bombe vermutlich nicht abgeworfen, vermutet Polizeifeuerwerker Dirk Wegener, der sie gestern entschärfte. Denn der Mutterboden, in dem der Blindgänger verborgen lag, wurde einst angefahren. Vermutlich wurde damit auch die Bombe mit herangeschafft. Die Kindertagesstätte wurde abgerissen, jetzt sind auf dem Grundstück im Schatten der Marzahner Plattenbauten Reihenhäuser geplant.

Der Blindgänger vom Typ "Demo 1000" - "Demo" steht für das englische Wort Demolition (Zerstörung), 1000 gibt den Hinweis auf das Gewicht der Bombe, nämlich 1000 amerikanische Pfund - hatte zwei Zünder, wie die Mehrzahl der amerikanischen Bomben - einen am Kopf und einen am flachen Boden. Den Kopfzünder konnte Wegener mit Spezialwerkzeug entfernen, bei dem Bodenzünder war dies nicht möglich.

Denn durch ihr schräges Auftreffen auf dem Boden hatte sich die Bodenplatte, in der der Zünder befestigt ist, fast vollständig gelöst. Wegener und seine Mitarbeiter entfernten die Bodenplatte vollständig, dann sprengten sie sie mit einer kleinen Ladung. Die Platte enthielt neben dem Zünder noch etwa 500 Gramm Sprengstoff als sogenannte Übertragungsladung, die beim Auftreffen des Bombenkörpers zunächst gezündet wird und dann das TNT im Bombenmantel zur Explosion bringt.

Durch die vielen Jahre im Boden werden die Blindgänger immer gefährlicher. Chemische Langzeitreaktionen können immer wieder solche Blindgänger zur Explosion bringen, wie beispielsweise im Juli 1983. An einem Sonnabend dröhnte eine gewaltige Explosion durch die kleine Siedlung am Hasenhegerweg im Neuköllner Ortsteil Buckow. Unter dem Asphalt der ruhigen Seitenstraße war ein Fünf-Zentner-Blindgänger explodiert. Verletzt wurde niemand, aber Steine und bis zu einen halben Meter große Asphaltbrocken wurden bis zu 500 Meter weit geschleudert. Sie durchschlugen Dächen und verursachten hohen Sachschaden. Die Explosion hinterließ in der Straße einen vier Meter tiefen und acht Meter breiten Krater.

Weitaus schlimmere Folgen hatte die Explosion einer weiteren Fünf-Zentner-Bombe im September 1994 an der Pettenkofer Straße in Friedrichshain. Dabei starben drei Bauarbeiter, und zahllose Menschen wurden verletzt. Häuser in der Umgebung des Unglücksorts wurden stark beschädigt. Beim Rammen einer Spundwand in einer Baugrube war der Bagger auf die Fliegerbombe gestoßen und hatte dabei den Zünder getroffen. Die Trümmer wurden mehrere hundert Meter weit geschleudert.

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