Zeichnungen statt Sprache : Vercomicisiert euch

Mit Zuwanderern aus aller Welt wird das Vermitteln von Regeln in der Stadt zur Herausforderung. Die Berliner Bäderbetriebe zeigen, wie man alle anspricht: mit Zeichnungen statt Vokabeln. Das sollte Schule machen. Ein Kommentar.

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Bilder statt Worte. In Berliner Bädern, wie hier in Lankwitz, hängen illustrierte Baderegeln.
Bilder statt Worte. In Berliner Bädern, wie hier in Lankwitz, hängen illustrierte Baderegeln.Foto: Yves Bellinghausen

Es gibt ein kleines Büchlein, das heißt „Point it“. Es besteht aus 1300 Bildern (auf dem Cover: ein Hühnerschenkel), auf die man zeigen kann, wenn man den Wunsch nach dem im Bild Dargestellten hat, quasi ein Weltreisesprachführer. Haha!, machte ich, als ich das Büchlein vor vielen Jahren geschenkt bekam, ich hielt es vor allem für einen Scherzartikel. Aber da lag ich total falsch.

„Point it“ ist zur globalisierten Sprache geworden, zur ultimativen Basiskommunikationsstrategie für den öffentlichen Raum. Sogar der Übersetzungsexperte Langenscheidt hat 2015 ein „Zeig mal“-Schnellverständigungswörterbuch rausgebracht – dies explizit für die Kommunikation mit Flüchtlingen.

Beispiel Berlins Bäderbetriebe. Nach dem Point-it- statt nach dem Schreiben-Lesen-Prinzip werden dort (noch versuchsweise, aber man will das ausbauen) die Regeln für den ordentlichen Aufenthalt im Schwimmbad bekannt gemacht. Ein Bild, eine Information: Nicht ungeduscht ins Wasser steigen. Nicht von der Seite ins Becken springen. Und nicht in Straßenkleidung. Nicht an Frauenhintern fassen.

Versierte Benutzer der Berliner Bäder können sich nur wundern, worauf extra noch einmal hinzuweisen nötig ist. Aber das sind ja nur die Standards der einen. Ins Schwimmbad gehen auch Leute, die ganz andere Standards und vom deutschen Schwimmbad-Knigge noch nie gehört haben. Dass es bei solchen Aufeinandertreffen zu Missverständnissen und Konflikten kommt, die man sich nicht hätte erträumen können, kennt man auch aus Ländern, in denen westliche Touristen per Strichmännchen-Instruktion vom Tempelbesuch im Bikini-Top abgehalten werden.

Diese Art Kommunikation galt vielleicht mal als übertrieben explizit – doch das ist vorbei. In der annähernd grenzenlosen Welt, in der so viele unterschiedlich sprachkompetente und nach unterschiedlichen Vorstellungen erzogene Menschen in so vielen unterschiedlich organisierten Ländern unterwegs sind, muss der Appell lauten: Pinsel frei! Malt eure Benimm-Basics auf, vercomicisiert die Sprache, stellt sie um auf vokabelfrei – nur dann wird sie noch verstanden werden.

Keine Angst vor geistiger Verarmung, liebe Rilke-Fans. Es geht hier doch nur um Basics, nicht um Lyrics

Und wer nun traurig mit dem Rilke-Gedichtband wedelt und von der sprachlichen auf die gedankliche Verarmung kommt, der beruhige sich bitte wieder. Es geht ja nur um Basics, nicht um Lyrics!

Neben den erziehungsbedürftigen Schwimmbadbesuchern bedürfen als zweite Gruppe die Taxifahrer einer Verhaltensnachschulung auf Point-it-Basis. Empfohlene Motive: „Radfahrer nicht abdrängen“ und „Nicht aus dem Fenster pöbeln“. Und wie wäre es mit Post-Mitarbeitern? „Nicht Mittagspause machen, wenn die Warteschlange länger als zehn Meter ist.“ Das „Nicht in zweiter Reihe parken“ für SUV-Fahrer sollte man in der Fabrik quer über die Frontscheibe fräsen.

Auch für Schulen könnte mehr Bildsprache die Alternative zu den ellenlangen Benimmregeln sein, die Jahr um Jahr erst in mühseliger Gruppenarbeit erstellt und dann ignoriert werden. „Wir wollen uns wertschätzend behandeln“ – Vergangenheit. Der durchgestrichene Brüllmund – Zukunft.

Nicht nur für die Comic-Adressaten ist die leicht verständliche Bildsprache von Vorteil, sie diszipliniert auch den Auftraggeber. Wenn ein Bild für eine Aussage reichen soll – und mehr lenkt ja schon wieder ab –, muss man sich sehr genau überlegen, was diese Aussage sein soll. Das richtet sich beispielsweise an die Verkehrslenkung Berlin. Schluss mit den unsäglichen Leuchtschrift-Appellen auf Verkehrsinformations-Wechseltextanzeigen (heißen so!), die kein Mensch versteht, im Vorbeifahren schon gar nicht. Botschaften wie „Bei Rot weiterfahren – Lebensgefahr“, die ich einmal fälschlich interpretierte als: ausnahmsweise trotz Rot weiterfahren, sonst droht Lebensgefahr. Dass die rote Ampel, eine Art Ur-Nein, einer Verstärkung bedürfen könnte, kam mir nicht in den Sinn.

Verkehrszeichen, dachte ich, seien die meist gebrauchte Zeichensprache, auf die man sich weltweit geeinigt hat. Angeführt vom roten Kreis um irgendwas, Fahrschuldevise „Rund und rot, das heißt Verbot“. Klar, knapp – im Wortsinn vorbildlich.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Sonnabendbeilage Mehr Berlin.

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