Berlin : Zeig her deine Bilder

Die Oberbaumbrücke wird zur Freiluftgalerie: Sandra Hübner kommt mit Kunst, Stuhl und Plane.

Hausstellung. Sandra Hübner in ihrem Kreuzberger Wohnzimmer. Foto: Kleist-Heinrich
Hausstellung. Sandra Hübner in ihrem Kreuzberger Wohnzimmer. Foto: Kleist-Heinrich

Eigentlich fährt sie hier immer mit dem Fahrrad drüber. Täglich. An diesem Sonntag aber wird Sandra Hübner einfach nur dastehen auf der Oberbaumbrücke, den ganzen Tag. Und hoffentlich viele ihrer Bilder verkaufen. Denn am heutigen Sonntag ist der Verkehr hier lahmgelegt und die Backsteinbrücke mit den zwei Türmchen verwandelt sich wieder in eine Freiluftgalerie: Zum 11. Mal versammelt sich die Künstlerszene zur „Open Air Gallery“.

Ein paar Tage zuvor arbeitet Sandra Hübner noch hektisch an den Bildern, die bis Sonntag fertig sein sollen. „Hoffentlich trocknet die Farbe bis dahin“, sagt die Malerin, die ausschließlich Ölfarbe verwendet. Im fünften Stock eines typischen Altbaus direkt am Görlitzer Park hat die gebürtige Ueckermünderin in ihrem Wohnzimmer auch gleichzeitig ihr Atelier untergebracht: große grau melierte Couch, Bücherregal und Schreibtisch, der allerdings mehr Ablagefläche für Laptop, Tabak, Postkarten und Zettel ist. Sandra Hübners Arbeitsplatz ist die Staffelei mitten im Raum. Auf ihr thront gerade eine Flasche Sternburger Export, die zuvor Modell gestanden hat. Das Resultat lehnt nebendran: auf der etwa zwanzig mal vierzig Zentimeter großen Leinwand ist die braune Flasche mit rotweißem Etikett in Ölfarbe verewigt, im Hintergrund viel beigefarbene Tapete.

Apropos Tapete, ihr neuestes Projekt sind die Fensterbilder: Hinter einfach verglaste antike Fensterrahmen aus Holz, einige mit kleinem Messinggriff zum Öffnen, hat sie ein Stück Wand gemalt, mal einfach nur Blümchentapete, mal mit wehendem Vorhang, mal mit Blumen. Vier der Fensterbilder nimmt sie mit auf die Oberbaumbrücke. Und einen Reservestuhl. „Letztes Jahr habe ich meinen Stuhl durchgesessen und musste den Rest der Zeit stehen“, sagt die kräftige 40-Jährige mit den leuchtend roten Haaren lachend und zündet sich eine Selbstgedrehte an.

Verschnaufen sei aber ohnehin schwierig bei der Open Air Gallery. Die meisten Besucher bleiben länger stehen, viele malen selbst und wollen fachsimpeln. Genauso haben sich die Initiatoren der Freiluftgalerie das auch vorgestellt: „Wir wollten einen Ort der Begegnung schaffen“, sagt Projektleiter Ümit Bayam. Und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen zwischen den Friedrichshainern und Kreuzbergern, denn die Vermischung sei seit der Zusammenlegung der Bezirke im Jahr 2001 nicht besonders ausgeprägt, sagt Bayam. „So richtig verwunderlich ist das allerdings nicht, schließlich ist die Oberbaumbrücke die einzige Schnittstelle der beiden Stadtteile“, sagt der Geschäftsführer des Stadtteilausschusses Kreuzberg, der die Open Air Gallery organisiert.

Zum anderen sollen hier auch verschiedene soziale Schichten aufeinandertreffen: die Kunstkenner mit denjenigen, die sich sonst eher nicht in eine Galerie trauen, weil sie denken, dass sie von Kunst keine Ahnung haben oder die Bilder eh zu teuer seien. „Dass wir Kunst für jedermann zeigen, heißt aber nicht, dass wir einen geringen künstlerischen Anspruch hätten“, sagt Bayam. Im Gegenteil: Eine Jury aus Kulturwissenschaftlern und Kunsthistorikern und Malern sucht die Bewerber sorgfältig aus. Es wird ausschließlich Bildende Kunst ausgestellt, Installationen, Musik oder Gebrauchskunst wie Postkarten, T-Shirts und Schmuck sucht man hier vergebens. „Krimskrams gibt’s bei uns nicht“, sagt Bayam.

Dafür aber Kunst zum Mitmachen: Auf einer 120 Meter langen, über die Brücke gespannten Leinwand können sich Besucher künstlerisch austoben. Das eigene Stückchen Kunst darf ausgeschnitten und mit nach Hause genommen werden.

Die hundert Aussteller kommen mittlerweile aus der ganzen Welt, wie immer ein Mix aus bereits etablierten und noch unbekannten Künstlern und Künstlerinnen. Einige, wie Sandra Hübner, waren schon öfter dabei. Die Maler, Grafiker, Fotografen und Bildhauer müssen sich jedes Jahr mit neuen Projekten wieder bewerben. Niemand kann sich auf seinem Gewohnheitsrecht ausruhen, sagt Bayam.

Sandra Hübner darf dieses Jahr sogar zweimal mitmachen; zum zweiten Termin der Open Air Gallery am 7. Juli hat sie ebenfalls einen Stand. Dann ist vielleicht auch das Wetter ein wenig besser. Denn eine richtig gute Lösung, wenn es wie angekündigt heute regnet, hat Sandra Hübner nicht; im vorigen Jahr sei ihr bei ähnlichen Verhältnissen dauernd die Plastikplane weggeflogen, die sie über ihre Bilder gelegt hatte; andere Künstler versuchten, ihre Werke mit Frischhaltefolie zu schützen. Es kommt eben auf die Kreativität an auf der Oberbaumbrücke, in jeglicher Hinsicht.

Am heutigen Sonntag und am 7. Juli, 10 bis 21 Uhr, der Eintritt ist frei. Für den Juli-Termin können sich Künstler noch bis zum 17. Juni bewerben. Mehr Infos unter www.openairgallery.de.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben