Berlin : Zeit zum Aufsatteln

Zum Frühlingsbeginn schwingen sich die Berliner aufs Fahrrad. Aber jeder auf seine Art

Stefan Jacobs

Arm, aber sexy. Was der Regierende Bürgermeister über Berlin sagt, galt früher auch für Radfahrer. Doch die Zeiten haben sich geändert: Die Verwaltung hat erkannt, dass mehr Fahrradverkehr gegen fast alles Schlechte vom Feinstaub bis zum Herzinfarkt hilft. Deshalb investiert sie jedes Jahr rund fünf Millionen Euro für Fahrradspuren und Schilder, damit der Anteil des Fahrradverkehrs bis 2010 von jetzt gut zehn auf 15 Prozent steigt. In den nächsten Jahren soll ein ganzes Netz an Radrouten durch Berlin geknüpft werden. Brandenburg mit seinen immer neuen Fernradwegen (von denen mehrere durch Berlin führen) ist schon weiter.

Mediziner empfehlen Radfahren als schonende Behandlung allerlei Zwickens, und Ernährungswissenschaftler sehen eine Stunde radeln als beste Methode, eine verspeiste Tafel Schokolade schnell wieder loszuwerden. Das Angebot der Fahrradgeschäfte beschränkt sich längst nicht mehr auf kleinwagenteure High- Tech-Schocker einerseits und zentnerschwere Schaukelstühle andererseits. Zwischen 500 und 1000 Euro hat sich eine technisch nahezu perfekte Mittelklasse mit Federung und pannensicheren Reifen etabliert. So ausgestattet, sind Radfahrer heute nicht mehr arm, sondern nur noch sexy. Und zwar jeder auf seine Weise, schließlich gibt es verschiedene Fahrradfahrer-Typen, die man nicht in einen Topf werfen darf.

Die Sonnentagsradler. Sie fahren Räder mit wartungsfreien Nabenschaltungen und haben eingesehen, dass eine Federung zwischen Hintern und Straße nicht spießig, sondern ausgesprochen angenehm ist. Die Mahlzeit für zwischendurch transportieren sie im Körbchen am Lenker, die Picknickdecke auf dem Gepäckträger. Im Urlaub machen sie Tagesausflüge am Fluss entlang, weil es da keine Berge gibt. Nach jeder Tour nehmen sie sich vor, nun öfter Rad zu fahren. Aber dann ist wieder Montag oder ein neuer Kasten Wasser einzukaufen oder die Sonne weg – und prompt sitzen sie wieder im Auto.

Die Harten. Ihre Radsaison dauert von Anfang Januar bis Ende Dezember. Sie wissen, dass sie mit ihrer 27-Gang-Rakete auch im Winter schneller als alle anderen durch die Stadt kommen. Die meisten fahren lieber auf der Straße, anstatt auf zu schmalen Gehweg-Radwegen (eine Berliner Spezialität) zwischen Fußgänger, Lieferanten und Rechtsabbieger zu geraten.

Die Normalos. Während ihnen die wunderbar milde Frühlingsluft um die Nase weht, rechnen sie in Gedanken aus, dass sie mit jeder Radtour von Prenzlauer Berg nach Mitte gegenüber der Bahn 20 Minuten und gegenüber dem Auto fünf Euro sparen. Und zurück dasselbe. Macht bei arbeitstäglicher Fahrt pro Jahr mehr als 2000 Euro und eine knappe Woche Ersparnis.

Kummer bereitet den Normalos die große Zahl ihrer „Fans“, die sich in 20 000 gemeldeten Diebstählen pro Jahr in Berlin manifestiert. Als größtes Einzeldelikt ist Fahrradklau so selbstverständlich, dass der Innensenator ihn bei der Vorstellung der letzten Kriminalstatistik gar nicht erst erwähnt hat. Bei einer Aufklärungsquote von vier Prozent ist Schweigen auch angemessen. Nur klappern viele deshalb notgedrungen auf alten Mühlen durch die Stadt, die weder schnell in Fahrt noch schnell zum Stehen kommen. Ein Skandal, über den sich bloß deshalb niemand aufregt, weil Radfahren auch Aggression abbaut. Etwa an roten Ampeln, wenn wieder mal ein Typ im Porsche nebenan glaubt, Porsche fahren sei das Schönste. Es ist nämlich noch viel schöner, von schräg oben in einen Porsche hineinzulächeln.

Die Pendler. Sie wissen die Kombination aus Fahrrad und Bahn zu schätzen und kennen auch den Flirtfaktor von Fahrradabteilen: „Darf ich mein Fahrrad an Ihres lehnen?“ – „Na klar, aber ich steige nächste aus.“ – „Dann warte ich noch so lange, bis Sie Ihres weggenommen haben. Ist ein herrliches Radelwetter heute, was?“ – „Ja, endlich, nach dem ewigen Winter! Sie haben aber ein schönes Fahrrad.“ Solche Seelenverwandtschaft erleben sonst nur Hundebesitzer.

Die Ideologen. Sie würden niemals Bahn fahren. Einerseits tragen sie zur Rettung des Weltklimas bei, andererseits verderben sie manchmal das zwischenmenschliche. Zeit für einen Appell: „Liebe Ideologinnen und Ideologen! Wir alle wissen, dass Autos böse sind! Trotzdem solltet ihr aufhören, die Autofahrer an Ampeln durch Rotfahren und plötzliches nächtliches Auftauchen ohne Licht zu erschrecken! Venceremos!“ Danke.

Die Heißsporne. In der Pubertät fahren sie ein Mountainbike, mit dem sie Treppen runterkommen. Als Erwachsene steigen sie aufs Rennrad um. Wenn sie sich das auf den Berliner Straßen ruiniert haben, fahren sie wieder Mountainbike oder ein Cross-Rad mit schmaleren 28er- Rädern. Das macht dermaßen großen Spaß, dass sie bald gar nichts anderes mehr wollen als Radfahren. Genau genommen steckt in jedem von uns ein Heißsporn; gerade jetzt im Frühjahr. Lassen wir ihn raus.

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