Berlin : Zeitreise entlang der Mauer

Zwei Künstlerinnen wollen die Teilung der Stadt in der virtuellen Welt erfahrbar machen

Werner van Bebber

Wenn die Mauer im Computer fertig ist, wird sie einem wieder den Weg versperren. Meterhoch wird sie vor dem Wanderer im virtuellen Raum aufragen. Er wird die Umwege gehen müssen, die die Teilung der Stadt den Bewohnern des Grenzgebietes aufzwang. Er wird aus Fenstern auf den Todesstreifen sehen können und er wird Tunnel erkunden können, die Leuten aus dem Osten die Flucht in den Westen möglich machen sollte. Nur eins wird er nicht können: wie ein Spieler in einem zynischen Computerspiel eine Flucht versuchen können – oder sie verhindern.

Zwei Frauen haben sich das Ganze ausgedacht. Tamiko Thiel ist Künstlerin und lebt in München, Teresa Reuter hat unter anderem Architektur studiert und arbeitet als Grafikerin und Ausstellungsmacherin in Berlin. In ihrem Büro in der Lausitzer Straße gibt es die Mauer noch: Auf einer Serie von historischen Stadtplänen ist deren Verlauf markiert. Teresa Reuter ist 43 und hat lange genug in West-Berlin gelebt, um genau zu wissen, wie die Mauer die Stadt geprägt hat – bis hin zu der Fähigkeit, die DDR-Grenze immer dann zu verdrängen, wenn sie nicht direkt in das eigene Leben hineinragte.

Um so wichtiger erscheint es ihr, die Mauer wieder erlebbar zu machen. Tamiko Thiel, Amerikanerin japanischer Abstammung, hatte schon mal etwas Ähnliches versucht. In einem Kunstwerk erinnert sie mit den Mitteln der virtuellen Realität an das kalifornische Lager Manzanar, in dem während des Zweiten Weltkriegs alle japanischen Amerikaner interniert worden waren. Wer sich in dieser Wirklichkeit bewegt, ahnt etwas von der Erschütterung vieler Japaner über ihre Gefangennahme aus Sicherheitsgründen.

Die virtuelle Berliner Mauer soll vergleichbare Ahnungen wecken. Reuter und Thiel wollen an zwei, drei Orten in Berlin Geschichten und Architektur zeigen. Teresa Reuter, die Kreuzbergerin, erläutert das besonders packend an einem Schnittpunkt von Kreuzberg, Neukölln und Treptow. In dem Gebiet um die Lohmühlen-Brücke könnte man zeigen, wie die Mauer die Stadt zerschnitt, welche Sichten und Wege sie den Berlinern aufzwang. Etwas weiter nördlich könnte man an der Eisenbahnbrücke zwischen dem Görlitzer Bahnhof und Treptow erzählen, wie eine der unbekannteren Ost-West-Verbindungen funktionierte.

Die virtuelle Welt ist ziemlich grenzenlos, entsprechend groß sind die Möglichkeiten, zu erzählen, zu bebildern, zu dokumentieren, die Teresa Reuter sieht. Man kann nicht nur den Raum, um den es geht, auf einer drei mal vier Meter großen Projektionsfläche erstehen lassen, man kann auch dem Betrachter und Begeher viele Möglichkeiten verschaffen, durch die Zeiten zu reisen, Zeitzeugen zu hören und Dokumente zu lesen.

Noch allerdings sind Reuter und Thiel in der Recherche-Phase: Sie sammeln Ideen, sprechen mit Zeitzeugen und suchen Sponsoren. Ihr Projekt ist als Ergänzung zum Mauerkonzept von Kultursenator Thomas Flierl gedacht. In dessen Verwaltung hält man viel von dem Vorhaben – auch weil man in und mit der virtuellen Realität ein junges Publikum erreichen kann– genau die Leute, die nicht mehr wissen können, wo die Mauer stand. Die Idee ist da, doch noch fehlt das nötige Geld.

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