Berlin : Zeitreise mit Grenzpolizisten im Foyer des Tränenpalasts

Lothar Heinke

Unter dem Schild „Einreise in die DDR“ steht ein junger Zollsoldat in seiner grünen Uniform und mustert den Betrachter mit interessierter Skepsis. Hinter ihm: „Einreisende“ vor den hellbraunen Sprelacart-Türen, die sich schnarrend öffnen und schnell wieder schließen. Jeder, der das bedrückende Szenario am Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße erlebt hat, wird es nicht vergessen, aber 15 Jahre nach dem Mauerfall verblassen auch diese Grenzerfahrungen. Nun frischt eine freundliche Geste vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn unsere Erinnerung an die Zeit auf, als am Bahnhof Friedrichstraße die Abschieds- oder Wiedersehenstränen flossen: Für den Eingangsbereich vom Tränenpalast haben die Bonner eine kleine Ausstellung spendiert, die als Dauerleihgabe den Genius Loci an dieser Stelle der Friedrichstraße beschwört.

In Glaskästen begegnen uns jene Schriftstücke wieder, die für den Reisenden aus West oder Ost ständige Begleiter waren – Passierscheine „für Bürger West-Berlins zum Betreten der Hauptstadt der DDR“, die kleinen Zettel mit den „Erklärungen über mitgeführte Gegenstände und Zahlungsmittel“ und die Einreisebestimmungen, in denen es so freundlich heißt: „Damit Sie unmittelbar nach Grenzübertritt notwendige kleinere Ausgaben für Verkehrsmittel, Erfrischungen usw. bestreiten können, besteht die Möglichkeit, bei der Einreiseabfertigung einen Mindestbetrag von 3 D-Mark West im Verhältnis 1:1 in Mark der Deutschen Notenbank umzutauschen. Halten Sie bitte im Interesse einer raschen Abfertigung diesen Betrag abgezählt bereit“. Gegenüber den beiden Schaukästen mit den Dokumenten, zu denen auch die begehrten Passierscheine, die Einreisebestimmungen und die „Erklärung über mitgeführte Gegenstände und Zahlungsmittel“ gehören, laufen auf zwei Monitoren mehrere kurze Filme, die uns noch einmal die Schauer des Kalten Krieges über den Rücken jagen. Ein Stasi-Lehrfilm zeigt, wie ein Mann entlarvt und abgeführt wird, der mit einem falschen Pass ein- oder ausreisen wollte. Ein Kontrolleur erzählt, wie hier im 1962 erbauten Tränenpalast, einem von 16 städtischen Grenz- und Sektorenübergängen, gearbeitet wurde: „Das Ohr ist das wichtigste Mittel, an dem man einen Menschen identifizieren kann“, sagt er und zeigt ein Ohrenhandbuch, „das musst du auswendig lernen, all diese Ohrentypen, seitenlang“. An den Ohren sollt ihr sie erkennen! Am Schluss der kleinen Video-Schau, diesem garantierten Schutz vor jeder Art von Nostalgie-Befall, sieht man, wie 1989/90 der halbe Grenzbahnhof demontiert wird, und wenn dann nach 28 Jahren der erste Zug aus Richtung Zoo wieder nach Königs Wusterhausen fährt, einfach so, und die Reichsbahner-Kapelle spielt, dass der Berliner Musike liebt – dann kommt die Gänsehaut ganz von selbst.

Vielleicht ist dies der Anfang vom Tränenpalast als Einheitsdenkmal und -museum mit allem, was dazu gehört? Unter Denkmalschutz steht er ja. Wie sprach jüngst Udo Lindenberg? „Es ist wichtig, dass der Tränenpalast in unserer bunten Republik erhalten wird.“

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