Zeitzeugen: Experten beschreiben Berliner Schätze : Zwiegespräch mit dem Tod

24.10.2012 13:06 Uhrvon
FOTO: MIKE WOLFF
FOTO: MIKE WOLFF

In unserer Serie zum 775-Jahr-Jubliäum von Berlin: Der Totentanz in der Marienkirche erinnert an die Pest-Epidemien des Mittelalters. Ein Mosaik soll seiner Erhaltung dienen: Mit dem Kauf eines Steinchens tragen Besucher dazu bei.

Die Idee des Totentanz-Bildes in der Marienkirche begeistert Roland Stolte in ihrer Symbolik immer wieder aufs Neue: „Einst kam man durchs Hauptportal und erlebte zuerst den Schock, dass man vom Tod angesprochen wird“, sagt der 42-jährige Pfarrer der zweitältesten Kirche Berlins. „Dann sollte der Betrachter der 28 Gestalten auf dem zwei mal 22 Meter messenden Bild seinen Beruf suchen, denn alle mittelalterlichen Stände sind hier abgebildet, vom Küster bis zum Narren – und zwischen jeder Figur steht der nackte Tod.“ Für Pfarrer Stolte ist der Totentanz „das wichtigste und älteste Kunstwerk aus der Berliner Geschichte, das wir besitzen“ – aber auch eines, das nicht immer liebevoll behandelt wurde.

Und so steht jetzt links vom Eingang eine vergrößerte Kopie, so farbenfroh wie vor mehr als 500 Jahren. Jeder kann sich an der Vervollständigung des Mosaiks beteiligen, für 2,50 Euro einen kleinen Stein kaufen, eine Lücke im Totentanz füllen – und so an einem neuen Kunstwerk mitwirken. Der Erlös kommt der Restaurierung der Kunstsammlung, also auch dem Totentanz-Original, zugute. Jenes Wandbild war Mahnung und moralische Aufrüstung in einem: Dialogverse verbinden die Aufforderung zum Tanz mit Bekenntnissen von Schuld und Sühne. Der Tod moniert etwa bei der „Krügerschen“, einer Gastwirtin, deren Falschheit beim Bierzapfen. „Ach, wär ich dieses falschen Maßes ledig, deretwegen ich so große Strafe erleiden muß. Hilf mir, Christus“, antwortet sie. „Wir kennen den Künstler nicht und auch nicht das Jahr der Entstehung“, sagt Pfarrer Stolte. Aber man könne die Dialogverse und ihre Vokalfärbungen mit datierten Urkunden vergleichen, stilistische Parallelen zu anderen Bildern feststellen und den Totentanz so zeitlich einordnen. Untersuchungen gehen von etwa 1470 aus. Totentänze entstanden oft nach Pestzeiten. In Berlin hatte der Schwarze Tod 1484 gewütet, der Hof zog sich damals ins Dorf Schöneberg zurück. Schon 1348 gab es einen schweren Pestausbruch, ein kollektives Trauma, das sicher auch in den Totentanz der Marienkirche einfloss. Das Totentanz-Original ist vom Eingang der Marienkirche aus nur durch eine Glasscheibe, Teil einer Klimaschleuse, zu betrachten. Das soll sich vielleicht ändern. Dann würden die Kirchgänger wieder vom Tod empfangen und zum Heil geleitet – ganz wie im Mittelalter.

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