• ZEITZEUGEN: EXPERTEN BESCHREIBEN BERLINER SCHÄTZE: In unserer Serie zur 775-Jahr-Feier: Qualmende Männer im Kampf gegen die „bösen Lüfte“

ZEITZEUGEN: EXPERTEN BESCHREIBEN BERLINER SCHÄTZE : In unserer Serie zur 775-Jahr-Feier: Qualmende Männer im Kampf gegen die „bösen Lüfte“

Das Tabakskollegium verbindet man vor allem mit dem Soldatenkönig, aber erfunden hat es sein Vater Friedrich I.

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Tabakskollegium? Gehört so eng zum Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. wie die Langen Kerls, man kennt ja das berühmte Gemälde mit seiner qualmenden Männerrunde. Aber „Das Tabakskollegium Friedrichs I.“? Das Bild gibt es ebenfalls, wäre ja auch ungerecht, wenn nicht, schließlich hat Preußens erster König diesen Brauch erfunden. Das war nach seiner Reise 1709 nach Westpreußen, wo gerade die Pest grassierte. Man führte sie auf böse Lüfte, Miasmen genannt, zurück, Tabaksqualm galt als Gegenmittel. Und so begann Friedrich eben zu paffen, ein Brauch, der sich bald verselbständigte, zur Mode wurde, zum Ritual des geselligen Beisammenseins, wie Claudia Sommer, die 48-jährige Leiterin der Graphischen Sammlung bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, erzählt. So häufig wie sein Vater, der täglich zum Rauchen einlud, habe Friedrich die Runde nicht zusammengerufen, aber strenge Regeln habe es gegeben: Wer nicht erschien, musste Strafe zahlen, und wer nicht rauchen wollte, sich von dieser Pflicht freikaufen.

Das Gemälde sei um 1710 entstanden, geschaffen vom Hofmaler Paul Carl Leygebe. Ursprünglich habe es im Berliner Schloss gehangen und sei während des Krieges ausgelagert worden. Ein Glücksfall, muss man sagen, sonst wäre die Qualmerei wohl in Rauch aufgegangen.

Heute hängt das „Tabakskollegium“ im Schloss Charlottenburg.Die gezeigte Szene spielte in der Drap d’Or-Kammer des Berliner Schlosses. Als sie gemalt wurde, hatte der Raum noch nicht die namensstiftende Goldbrokatdekoration, entfaltete seine Pracht vielmehr durch die vielen, damals sündhaft teuren Spiegel und den Kronleuchter. Mit den Kerzen habe dies auf dem Gemälde eine Fülle interessanter Lichteffekte gegeben, sagt Claudia Sommer. „Es ist ein Bild voller spiegelnder Impressionen.“

Unter dem Kronleuchter – und nicht etwa unter dem Baldachin zur Linken – hat sich der König mit seiner dritten Frau Sophie Luise von Mecklenburg-Schwerin niedergelassen, als Mittelpunkt einer eher lockeren, aber in der Hierarchie eindeutigen Runde. Links neben dem Paar lümmelt Friedrichs Sohn, mit blauem Rock und orangefarbener Schärpe – der spätere Soldatenkönig. Anders als dieser habe Friedrich in der Raucherrunde auch seine Frau zugelassen, erzählt die Kunsthistorikerin. Die Königin habe das Privileg besessen, dem Gemahl die Pfeife zu stopfen und anzuzünden – mit einem Fidibus. Auf dem Tablett, das der links im Bild erkennbare schwarze Diener reicht, liegt eine ganze Batterie solcher Holzspäne. Gleich drei Schwarze gehören zum Personal, dazu ein orientalisch gewandeter Mann, wahrscheinlich der „Kammertürke“ Aly. Solche Diener aus dem afrikanischen oder orientalischen Raum waren begehrt, standen für Exotik. Man findet sie auf Gemälden der Zeit als „Assistenzfiguren“ der Herrscher, auf einem Deckengemälde im Schloss Caputh sogar als zentrale „Mohrenkönigin“. Doch bei aller Liebe zur Exotik: Die Schwarzen waren gehalten, sich taufen zu lassen und christliche Namen anzunehmen. So weiß man von einem Afrikaner, der 1688 in der Potsdamer Schlossgemeinde Pate stand. Sein Name: Friedrich Wilhelm.

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