ZEITZEUGEN: EXPERTEN BESCHREIBEN BERLINER SCHÄTZE : Zwischen Tugend und Laster

In unserer Serie zur 775-Jahr-Feier von Berlin: Die Gerichtslaube stand bis 1870/71 am alten Berliner Rathaus. Als Teil eines patriotischen Bild- und Bauprogramms wurde sie damals im Schlosspark Babelsberg wiederaufgebaut

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„Die Schweine, das sind die Laster, die stehen für Unkeuschheit und Unmäßigkeit. Und die beiden Engel hier könnten als Sirenen die Versuchung symbolisieren – oder als Engel die Tugenden.“ Saskia Hüneke, Kustodin der Skulpturensammlung bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, weiß auch das Äffchen zu deuten, das den Flügelwesen auf dem Relief am Mittelpfeiler der Gerichtslaube im Schlosspark Babelsberg räumlich ganz nahe ist und metaphorisch vielleicht doch so fern. Niedlich? Von wegen! In der Bildsprache des 13. Jahrhunderts, erklärt die 58-jährige Kunsthistorikerin, steht der kleine Kerl für „nachäffende“ Falschheit, Bosheit, Leichtfertigkeit, Geiz – kurz: den Teufel. Damals, so um 1250, wurde die Gerichtslaube als Anbau des alten Berliner Rathauses an der Ecke Rathausstraße/Spandauer Straße gebaut und 1871/72, nachdem der Amtssitz durch das Rote Rathaus ersetzt worden war, in Babelsberg wiederaufgebaut. Mit einigen Zutaten der Zeit, aber insgesamt in originaler Form, wie die Kustodin versichert. Auch das Relief und die den Pranger markierende Spottfigur des „Kaak“ seien verwendet worden, vor allem aber viele der alten Ziegel, die man gut von denen des 19. Jahrhunderts unterscheiden kann. Eine rein nostalgische Baumaßnahme? Keineswegs, vielmehr Teil eines im ganzen Park ablesbaren Bau- und Bildprogramms im „vaterländischen“ Stil, das die wiedergewonnene politische Stärke des Landes feiern, die neue nationale Identität beschwören und durch das Aufweisen von Traditionslinien historisch verwurzeln sollte. Die Gerichtslaube, in deren Untergeschoss das Stadtgericht tagte, während oben die Ratsstube lag, passte prima ins Konzept. Man hat deren patriotische Wirkung noch durch (heute verschwundene) Skulpturen zu verstärken gesucht, wie Saskia Hüneke durchs Studium des alten Generalkatalogs der Skulpturensammlung herausfand: Vor dem Eingang ruhten zwei Zinklöwen, unter dem Spitzbogengewölbe wachte eine kleine Replik von Andreas Schlüters Reiterstandbild des Großen Kurfürsten. Daneben triumphierte der Heilige Georg als Drachentöter, Replik eines Werkes von August Kiss aus dem Berliner Schloss. Es sollte den Sieg über die Revolution 1848 symbolisieren, ein Werk mit kriegerischem Anfang – und ebensolchem Ende, wie ein Katalogvermerk zeigt: „Zur Metallspende abgegeben. 1942.“

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