Zeitzeugen über Reagan : Pragmatischer Optimist

Zeitzeugen diskutieren auf einer Veranstaltung des Tagesspiegels und der Amerikanischen Botschaft über die Politik Reagans.

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Zeitzeugen. Richard Burt, US-Botschafter zu Reagans Zeiten, Markus Meckel, 1990 Außenminister der DDR, Tagesspiegel-Herausgeber Gerd Appenzeller und der Historiker Manfred Görtemaker (v.l.) diskutieren am Montagabend in der Commerzbank.
Zeitzeugen. Richard Burt, US-Botschafter zu Reagans Zeiten, Markus Meckel, 1990 Außenminister der DDR, Tagesspiegel-Herausgeber...Foto: Mike Wolff

Krisensitzung im Oval Office: Die Öffentlichkeit tobt, der Kongress ist empört, Ronald Reagan bittet die engsten Berater in sein Büro. Es ist 1985, Bundeskanzler Helmut Kohl hat den 40. Präsidenten der USA gerade nach Deutschland eingeladen. Auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg sollen die beiden Staatschefs gemeinsam der Opfer des Zweiten Weltkriegs gedenken. Das Problem: In Bitburg liegen auch SS-Männer. „Kohl ruft in 20 Minuten an, was soll ich ihm sagen?“, fragt Reagan. Alle Berater raten ihm dringlich von der Reise ab. Dann klingelt das Telefon. „Helmut, wir waren einmal Feinde, nun sind wir Freunde. Wir sind solide und starke Partner, auch in der Zukunft. Auch in Bitburg.“ Er legt den Hörer auf, schaut in die verdutzten Gesichter seiner Berater. „Bringt mich nie wieder in so eine verdammte Situation.“

Es sind solch kleine Anekdoten, die vielleicht am besten ein Bild von Ronald Reagan zeichnen. Ein Mann mit Überzeugung, ein weitsichtiger Mann, ein pragmatischer. Aber vor allem ein unverbesserlicher Optimist. „Er glaubte fest daran, dass die Mauer irgendwann fallen würde“, sagte Richard R. Burt, damals US-Botschafter in Deutschland, auf einer Diskussion des Tagesspiegels und der Amerikanischen Botschaft in der Commerzbank am Pariser Platz – nur wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem Reagan 1987 seine legendäre Rede hielt. „Die wenigsten haben an die deutsche Einheit geglaubt“, sagte Burt. „Selbst meine Freunde haben mir damals gesagt: Ihr Amerikaner, hört auf, über die Wiedervereinigung zu sprechen. Das wird nicht passieren.“

Aber es passierte, nur zwei Jahre nach Reagans „Tear down this wall“-Rede. Doch welchen Anteil der Präsident daran hatte, ist umstritten – auch bei den Diskutanten am Montagabend. „Die konkreten Veränderungen in unserem Land hat nicht Reagan gebracht und auch nicht Gorbatschow. Sondern eine friedliche Revolution aus der Mitte des Volks heraus“, sagte Markus Meckel, Oppositioneller in der DDR, kurz vor der Wiedervereinigung für fünf Monate Außenminister und anschließend 19 Jahre SPD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag. „Mich hat Reagan schon damals nicht überzeugt. Er hat meist schwarz-weiß gedacht und Politik vorbei am Kongress gemacht“, sagte Meckel. „Rechtsfragen waren während seiner Amtszeit nicht so wesentlich wie die Aufrechterhaltung des Feindbilds Sowjetunion.“

Doch vielleicht bedurfte es gerade dieser politischen Zuspitzung in Zeiten des Kalten Krieges. Den Gegner kleinreden, um selbst wieder größer zu erscheinen. „Die USA mussten ihre eigene Stärke wiederherstellen, um die Sowjetunion zurück an den Verhandlungstisch zu holen“, sagte Manfred Görtemaker, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. „Die amerikanische Politik ist auch nicht mit der deutschen zu vergleichen. Sie ist immer eine Mischung aus Missionarismus und Realpolitik.“

In der deutschen Realität wurde Reagan vor allem mit Vorurteilen konfrontiert. Seine Besuche wurden von Protesten begleitet: Da kommt der Schauspieler, der keine Ahnung von Politik hat. Der nur große Reden schwingt.

Doch geschauspielert habe er im Amt nicht, im Gegenteil, sagte Ex-Botschafter Burt. Authentisch sei er gewesen, überparteilich. Gegenüber den einfachen Bürgern ebenso wie den Politikern. „Reagan konnte Brücken bauen zwischen Menschen“, sagte Burt. „Heute ist es doch schon schwierig, Republikaner und Demokraten überhaupt friedlich in einem Raum zu versammeln.“

Ronald Reagan, der Antreiber, der Idealist, der Zuversichtliche. Sein Volk hat ihn im Rückblick ins Herz geschlossen. Auf der Beliebtheitsskala aller Präsidenten rangiert er auf Platz eins – vor John F. Kennedy und Abraham Lincoln.

Eine Platzierung, von der Barack Obama, 44. Präsident der USA, derzeit nur träumen kann. Ex-Botschafter Burt glaubte zu wissen, woran es fehlt: „Obama braucht die Magie, die Reagan ausstrahlte.“ Obama müsse nur von Reagan lernen. „Dann wird er 2012 auch wiedergewählt.“

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