Zeitzeugengespräch : Flüchtig verliebt

In Friedrichshain erzählen sich Berliner jede Woche ihre Erlebnisse aus der geteilten Stadt. Reinhard Hummel schmuggelte die Freundin in den Westen.

Robert Ide

Die meiste Zeit saßen sie im Käfer. Wo sollten sie sonst hin in Ost-Berlin, die beiden Verliebten? Er kam aus West-Berlin immer mit seinem Wagen hierher, sie pendelte aus Leipzig mit dem Zug. Auf einer Party in Friedrichshain hatten sie sich verknallt, aber auf Dauer waren sie nur Gäste in der Hauptstadt der DDR – damals, Anfang der Siebziger, als die Mauer schon zehn Jahre stand. In der halben Stadt, die ihn nur tageweise aufnahm und ihr keine feste Bleibe bot, spazierten sie umher; meist saßen sie auch nur in seinem Wagen und fragten sich: Wie können wir zusammen leben? „Natürlich haben wir überlegt, wie sie flüchten kann – mit dem Boot über die Ostsee oder durch einen selbst gegrabenen Tunnel“, erinnert er sich. „Aber wir waren nicht die Abenteurertypen.“ Im Publikum lachen einige mitfühlend.

Der 67 Jahre alte Mann ist hier, um von sich zu erzählen. Reinhard Hummel aus Tiergarten ist an diesem Herbstabend in die Zwinglikirche nach Friedrichshain gekommen, um von einer Liebe zu berichten, die ihn doch zum Abenteurer werden ließ. Vor ihm sitzen Männer im Blaumann und Frauen mit Strickmütze, gewöhnliche Leute. Mal stellen sie Fragen, mal lachen sie mitfühlend. Jede Woche trifft man sich hier im Halbkreis, hier, wo früher die Grenze nach Kreuzberg verlief – vor der Kirche steht noch ein Restblock Mauer. „Wir reden schon seit einem halben Jahr“, sagt Organisator Martin Wiebel, der seine Zwischenfragen angenehm beschränkt und lieber die Erzähler ausreden lässt. Am heutigen Mittwoch trifft sich seine gefühlvoll gestaltete Erinnerungswerkstatt ein letztes Mal.

Seine Freundin in einen DDR-Knast schicken und vom Westen freikaufen lassen, das wollte Reinhard Hummel nicht, erzählt er an diesem Abend, „und ein kommerzieller Fluchthelfer hat damals 50 000 D-Mark verlangt“. So kam er auf die Idee, einen bundesdeutschen Pass zu fälschen, den ihm eine gute Bekannte überließ. Er tauschte das Passfoto gegen das Bild seiner Leipziger Freundin. Dann fuhr er an die jugoslawisch-bulgarische Grenze, um sich einen Einreisestempel zu erschleichen für den Ostblock. Sie wartete schon in Bulgarien auf ihn, um dann mit dem gestempelten gefälschten Pass mit ihm ausreißen zu können nach Jugoslawien und von dort westwärts. Die bulgarischen Grenzer ertappten ihn, er flog aus dem Land – und sie musste in Leipzig fortan mit Beobachtung rechnen. „Wir hatten so eine Romeo-und-Julia-Idee, dass Liebe die Mauer überwinden kann“, erzählt Hummel; wieder lachen seine Zuhörer. Er lächelt feinsinnig zurück, denn zwei Pointen hat seine Geschichte noch. In einem umgebauten Gebrauchtwagen mit einem geheimen zweiten Kofferraum schmuggelt er seine Freundin später doch über die Grenze. Und als schließlich Romeo und Julia zusammen in West-Berlin ein neues Leben anfangen, ist es bald schon wieder vorbei: „Unsere Liebe hatte gar keinen Alltag.“

Da lacht keiner mehr der gewöhnlichen Leute. Aber ein spannender Abend war’s wieder. Robert Ide

Zeitzeugengespräch in der Zwinglikirche heute ab 19 Uhr, Rudolfstraße 14 (am U- und S-Bahnhof Warschauer Straße).

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