• Zeller will keine Spione in Mitte, Strieder schon Bundesnachrichtendienst ist am Gelände des ehemaligen Stadions der Weltjugend an der Chausseestraße interessiert

Berlin : Zeller will keine Spione in Mitte, Strieder schon Bundesnachrichtendienst ist am Gelände des ehemaligen Stadions der Weltjugend an der Chausseestraße interessiert

Christian van Lessen

Gegen Pläne für eine Ansiedlung des Bundesnachrichtendienstes (BND) auf dem Gelände des früheren Stadions der Weltjugend an der Chausseestraße regt sich Widerstand in Mitte. Bezirksbürgermeister Joachim Zeller (CDU) nannte den von Senat und Bund favorisierten Standort „problematisch.“ Offenbar regiere der Bund mit langem Arm in die Hauptstadtplanung hinein. In ein derart innerstädtisches Gebiet passe keine BND-Zentrale. Die bündnisgrüne Baustadträtin Dorothee Dubrau betonte: „Für uns bleibt das ein Standort für Wohnen, Sport und Grün.“

Zeller sagte, die Senatskanzlei habe ihn völlig überraschend von der möglichen Ansiedlung unterrichtet. Er habe nichs gegen einen Umzug des gesamten BND nach Berlin, doch dürfe hier nicht ein Gebiet, für das eine zehnjährige Planung vorliege, zerrissen werden. Es müsse öffentlich zugänglich sein. Genau das aber ist von einer Zentrale des Bundesnachrichtendienstes nicht zu erwarten. Hier könnten bald fast 6000 Beschäftigte in einem großen Bürokomplex arbeiten, der von einer Mauer oder einem Zaun umgeben ist.

Noch ist das eine Vision. Aber eine, die gute Aussichten hat, Wirklichkeit zu werden. Der Senat hat dem Bund das Grundstück jedenfalls angeboten, derzeit wird noch verhandelt. Stadtentwicklungssenator Peter Strieder will dem BND keine Steine in den Weg legen. Die Senatskanzlei spricht noch von weiteren Optionen für einen größeren BND-Standort. So sollen weiterhin der Flughafen Tempelhof und das frühere US-Hauptquartier an der Zehlendorfer Clayallee sofern ein Gelände in Stahnsdorf im Gespräch sein. Der BND, der nach einem Beschluss der Bundesregierung vom Frühjahr bis 2008 komplett nach Berlin umgezogen sein soll, favorisiert aber Mitte. Das Grundstück des ehemaligen Stadions der Weltjugend hat es ihm angetan: Ein Areal mitten in der Stadt – und doch etwas abseits.

Mit dem jüngsten Umzugsbeschluss sah sich der Nachrichtendienst vor neue Standortprobleme gestellt. Bis zum April war er davon ausgegangen, dass sein neu hergerichtetes Quartier in der ehemaligen US-Kaserne am Lichterfelder Gardeschützenweg als Berliner Sitz reicht. Hier arbeiten bereits rund 1000 Mitarbeiter der Abteilung Auswertung, hier entsteht auch ein Lagezentrum, das die Bundesregierung regelmäßig mit Informationen aus aller Welt versorgt. Nur noch ein ganz kleiner Leitungsstab arbeitet im einstigen Staatsratsgebäude am Schloßplatz, das vorübergehend Bundeskanzleramt war. Ende September war der große Umzug nach Lichterfelde abgeschlossen. „Damit ist die Kaserne voll“, sagen BND-Mitarbeiter.

Aber einquartiert ist nur eine einzige Abteilung. Nun müssen noch die restlichen sieben Abteilungen mit fast 5000 weiteren Mitarbeitern aus Pullach untergebracht werden. Das einstige US-Hauptquartier an der Clayallee wäre geeignet, wird aber zum Teil als Generalkonsulat genutzt und steht in weiten Teilen unter Denkmalschutz. Das erschwert BND-Umbauten, außerdem könnte es, so Mitarbeiter, zu klein sein. So bat der BND seinen Dienstherrn, über eine freie Fläche, „möglichst zentral“ zu verhandeln. Und das könnte nun die landeseigene „Zickenwiese“ sein, wie das einstige Ost-Berliner Stadiongelände auch genannt wird. Aus Trümmern war das Stadion 1950 entstanden, zunächst nach Staats- und Parteichef Walter Ulbricht benannt. Bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 galt es als zentraler Veranstaltungsort mit fast 70000 Plätzen.

Im April 1989 trat hier noch der BFC Dynamo im Finale des FDGB-Pokals an. Nach der Wende folgte der schnelle Abriss. Das Land Berlinn hatte sich für die Olympischen Spiele 2000 beworben und wollte hier eine große Sporthalle bauen. Die Pläne fielen wie ein Kartenhaus zusammen, ebenso die Vorstellungen, zwischen Habersaath-, Chaussee-, Boyenstraße und Invalidenfriedhof einen neuen Stadtteil zu errichten. Seit 1996 wird auf dem freien Gelände Golf, Volley- und Fußball gespielt. Sollte der Bundesnachrichtendienst hier seine Zentrale errichten,will er sein Gelände am Gardeschützenweg behalten. Wo auch immer das Quartier aufgeschlagen wird – viele Mitarbeiter in Pullach dürfte das kalt lassen. Ein Drittel der Belegschaft geht bis 2010 in den Ruhestand.

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