Berlin : Zeremonie für die namenlosen Toten aus dem Sowjet-Lager in Hohenschönhausen

Michael Brunner

Es sind diese schrecklichen Erinnerungen, die den alten Mann nicht weiter reden lassen. Ein heftiger Weinkrampf lässt seine Schultern zucken. Doch er reißt sich zusammen. Das hat Karl Heinz Reuter gelernt. Er musste es lernen, um zu überleben: vier Monate Internierung im Speziallager Nr. 3 in Hohenschönhausen, einen gescheiterten Fluchtversuch im Jahr 1947, lange Haftjahre in Bautzen und später im Zuchthaus Brandenburg. 1957 ist Karl Heinz Reuter über West-Berlin in den Westen geflohen und hatte in Dortmund Erfolg mit dem Aufbau einer Wirtschaftsdetektei.

An diesem Mittwochvormittag ist Karl Heinz Reuter nach Hohenschönhausen gekommen - wie so oft in den Jahren seit 1990. Anlass ist die Bestattung der sterblichen Überreste von 132 unbekannten Toten, die ihr Leben im Speziallager Nr. 3 verloren haben. Reuter steht ganz hinten. Weiter vorn stehen Rainer Eppelmann von der CDU, Marion Seelig von der PDS und Hans-Joachim Helwig-Wilson vom "Arbeitskreis ehemaliger politischer Häftlinge" in der SPD. Helwig-Wilson hat im Oktober 1998 mit einem Brief Aufsehen erregt, in dem er die Form des "Steine-Niederlegens" zur Erinnerung an die anonymen Opfer wegen der Ähnlichkeit zur jüdischen Tradition als "nicht würdig" kritisierte. Später entschuldigte er sich. Der Eröffnung des "DenkOrtes" vor einem guten Jahr blieb Helwig-Wilson fern. Heute ist er da und schweigt.

Alle blicken auf ein frisch ausgehobenes Grab mit zahlreichen Kränzen und hören den Trauermärschen eines Polizeiorchesters zu, den Reden des Regierenden Bürgermeisters und des Stadtrats Michael Szulczewski (CDU) aus Hohenschönhausen. Eberhard Diepgen spricht langsam und eindringlich, nicht zu laut über das Schicksal der Opfer: "Man hat ihnen die Würde genommen und den Namen. Sie wurden wie Tiere verscharrt." Diepgen erinnert an den Sozialdemokraten Karl Heinrich, der im Lager umkam und schließt mit einer Stichelei: "Der schlichte DenkOrt ist vielleicht auch ein Beispiel für Denkorte, die nicht so gelungen sind." Was er damit genau meint, will Diepgen auch auf Nachfrage nicht sagen. Vor Diepgen hat Szulczewski in einer Ansprache mit sorgfältig austarierten Formulierungen jeden Anstoß mit Vertretern von Opferverbänden vermieden. Zum Schluss spricht ein evangelischer Pfarrer ein Gebet.

Die Zeremonie ist rasch vorbei, sie dauert nicht viel länger als eine halbe Stunde. Nach dem Ende redet Karl Heinz Reuter Klartext. Es ist ihm nicht recht, dass andere reden und er schweigen muss. "Ich hatte meine Rede vorbereitet", sagt er und zieht zwei bedruckte Briefbögen in Klarsichtfolie aus der Tasche. Ja, er habe sich "beim Protokoll" bemüht, reden zu dürfen, doch das sei ihm verwehrt worden: "Sonst ist es ungerecht, teilten sie mir mit." Und nun bricht es aus ihm heraus. "1945, ich war 15 Jahre alt, verprügelte ich einen sowjetischen Soldaten. Der hatte ein Mädchen vergewaltigt. Der NKWD zwang mir unter Misshandlungen das Geständnis ab, ich sei Nazi-Werwolf. Im Lager haben wir vor Hunger Gras gefressen." Nach einer Pause spricht er weiter: "Wir waren im Speziallager in Baracken zusammengepfercht. Ich sah viele Menschen sterben." Er sei froh über die jetzige Bestattung, denn "sterbliche Überreste von Menschen gehören nicht auf die Schuttkippe".

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