Berlin : „Zero the Hero“ sucht nach neuen Abenteuern

23 Jahre lang war Chris Hanna Direktor der Kennedy-Schule. Jetzt geht er zurück in die USA

Lars von Törne

23 Jahre lang war Chris Hanna Direktor der Kennedy-Schule. Jetzt geht er zurück in die USA

Die Maske und der Umhang mit den Nullen drauf sind schon verpackt. Künftig müssen die Schüler ohne „Zero the Hero“ auskommen. Diese Rolle hat Chris Hanna bei vielen Schülergenerationen der John-F.-Kennedy-Schule berühmt gemacht. Alle paar Wochen verwandelte sich der Direktor in den maskierten Superhelden und brachte Grundschülern spielerisch bei, welche Bedeutung die Null in der Mathematik hat. Das muss ihnen jetzt jemand anderes erklären.

Ende Juli kehrt Hanna nach 23 Jahren in Berlin in die USA zurück, um sich nach einer neuen Tätigkeit umzuschauen. „Ein Lebensabschnitt geht zu Ende“, sagt er beim Gespräch in seinem Schulbüro. Dem ruhigen Mann mit dem grauen Bürstenhaarschnitt ist die Trauer über den Abschied anzumerken, auch wenn er darüber nicht gerne spricht, sondern lieber von den Schülern und neuen Herausforderungen schwärmt. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Berliner Stadtplan, ein Porträt des Namenspatrons der Schule – und ein Foto der Katze der Clintons, Erinnerung an den Besuch von Präsidentengattin Hillary bei einer Abiturfeier, den der Direktor mit eingefädelt hatte.

Als Hanna Anfang der 80er nach Berlin kam, waren die Amerikaner die Schutzmacht und die Kennedy-Schule war Teil der alliierten Infrastruktur. Heute hat nur noch jeder dritte der 1700 Schüler die US- Staatsbürgerschaft. Und auch sonst hat sich einiges geändert, sagt der studierte Geologe und Sonderschulpädagoge, der sich den Direktorenposten mit seiner deutschen Kollegin Gudula Lennert-Fiebig teilte: „Wir sind eine multikulturelle Schule geworden.“ Die Eltern, die ihre Kinder schicken, sind immer öfter Weltbürger, die zum Beispiel aus Tokyo über die USA nach Berlin kamen. „Dadurch haben wir ein ganz anderes Flair als früher.“ Darin sieht der Direktor, der ständig zwischen Deutsch und Englisch hin- und herwechselt, eines der Erfolgsgeheimnisse der Schule: „Bei uns sind die Schüler gezwungen, sich mit Kindern aus anderen Welten zu beschäftigen – und lernen so viel mehr als nur die andere Sprache.“

Da sind auch die Konflikte hilfreich, die es immer mal wieder zwischen Schülern verschiedener Nationalitäten gibt. Wie zum Beispiel jene Tage im Jahr 1990, die Hanna als die schwierigsten seiner 23-jährigen Laufbahn bezeichnet: „Als die USA in Kuwait einmarschierten, liefen viele deutsche Schüler aus dem Unterricht und demonstrierten in der Stadt – und die Amerikaner blieben in der Schule zurück“, erinnert er sich. „Wir hatten Angst, dass sich die Oberstufe spaltet.“ Aber dann beriefen die Schüler selbst eine Versammlung ein, um den Konflikt zu besprechen – und hatten hinterher ein besseres Verhältnis untereinander als vorher. „Das war sehr bewegend“, sagt Hanna. Da klopft es an der Tür. Ein Vater schaut vorbei, bedankt sich mit einer Flasche Champagner dafür, dass sein Sohn einen der begehrten Plätze erhalten hat.

Die „JFKS“ gehört zu den beliebtesten Schulen der Stadt. Chris Hanna führt das auf die überdurchschnittlich engagierten Schüler zurück, die wiederum viele Lehrer zu Höchstleistungen motivierten. So seien vor elf Jahren mal zwei Schüler zu ihm gekommen, die ein Rollenspiel über die Vereinten Nationen vorschlugen. Der Direktor ermunterte sie, ein Konzept auszuarbeiten – heute sind die „Model United Nations“ ein weit über Berlin hinaus bekanntes Erfolgsmodell, an dem sich zunehmend auch Schulen aus anderen Ländern beteiligen. „Solche Erfolge motivieren mich, auch an Wochenende zu arbeiten“, sagt Hanna. Kein Wunder, dass er die Schule als sein erstes Hobby nennt, gefolgt von Wandern – und dem Sammeln lokaler Biermarken.

Was ihn in den USA erwartet, weiß er noch nicht. Aus einer ursprünglich angepeilten Beschäftigung wurde kurzfristig doch nichts, jetzt will der 58-Jährige erst einmal eine Pause in Florida machen. Und dann etwas Neues finden, für das er sich begeistern kann. Angola zum Beispiel würde ihn reizen, da war er neulich auf Dienstreise und hat gesehen, dass es in dem kriegsgeschädigten Land viel zu tun gibt. „Ich suche etwas, wo ich einen Unterschied machen kann“, sagt er mit sehr amerikanisch klingendem Idealismus. So hatte er es ein paar Wochen zuvor auch den Abiturienten mit auf den Weg gegeben: „Seid offen für neue Herausforderungen, ruht euch nicht auf euren Lorbeeren aus.“ Das gilt jetzt auch für ihn selbst.

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