Berlin : Zerrissen von den Erwartungen

Als Wirtschaftssenator war Gysi mehr Verwalter von Pleiten als glanzvoller Konjunkturpromoter

NAME

Von Sigrid Kneist

Den Faktor Neugier sollte man nicht unterschätzen: Auf dem Programm bei der letzten Cebit Hannover stand eine Diskussion über wissenschaftsnahe Unternehmen in Berlin. Der Saal war so gerappelt voll wie sonst nicht bei derartigen Veranstaltungen. Denn auf dem Podium saß Gregor Gysi, der frisch gebackene Berliner Wirtschaftssenator und das schillernde Zugpferd der PDS. Diesen Auftritt wollte sich das Fachpublikum bei der Computermesse nicht entgehen lassen. Prominenz zieht eben. Ein Bonus, von dem Gysi profitieren konnte, mit ihm das Amt und letztlich auch die Stadt. „Gysi hatte ein Entrée. Stellen Sie sich mal vor, wenn jetzt sein Nachfolger, vielleicht so ein Diplom-Ökonom von irgendeiner Hochschule, bei VW-Chef Pitschetsrieder anruft, der wird doch nicht mal durchgestellt“, sagte gestern ein Wirtschaftsfachmann. „Auf Gysi waren auch Wirtschaftsleute neugierig.“

Allerdings glaubt niemand in Berliner Wirtschaftskreisen, dass die Person Gysis allein dazu hätte beitragen können, Unternehmen anzusiedeln. „Wichtig sind doch die Rahmenbedingungen, die ein Unternehmen in einer Stadt vorfindet“, sagt Hartmann Kleiner, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg. Angesichts der katastrophalen Haushaltslage der Stadt gebe es für einen Wirtschaftssenator kaum Gestaltungsmöglichkeiten.

Viele Beobachter sind der Ansicht, dass die Bühne der Berliner Wirtschaftspolitik für einen Politstar wie Gregor Gysi kaum die geeignete Rolle bot. Zu viel Kärnerarbeit und zu wenig Entfaltungsspielraum. Die Berliner Wirtschaft hat zu viele Problemfälle zu bieten. Diese Erfahrungen machte Gysi schnell. Da musste er den Abgang des Mineralwasser-Abfüllers Spreequell hinnehmen. Trotz massiver Interventionen, die manche Kenner für übertrieben hielten, konnte er nicht verhindern, dass das Unternehmen jenseits der Berliner Stadtgrenze weitermacht.

Ein anderer Tiefschlag war, als Babcock Borsig beschloss, die Apparateproduktion in seinem Tegeler Werk nach Spanien zu verlegen. Wieder 150 Arbeitsplätze für Berlin verloren. Es folgte der Insolvenz-Antrag des Traditionsunternehmens Herlitz. „Als Gysi mit seinem Vorschlag einer Landesbürgschaft kam, hat er gezeigt, dass er wirtschaftlich nicht so beleckt ist“, hieß es damals ein wenig höhnisch in Wirtschaftskreisen. Dennoch bescheinigen ihm alle Wirtschaftsvertreter und auch Politiker der Opposition, dass er sich gut eingearbeitet hatte, fleißig war und auf den Sachverstand seiner Verwaltung zurückgegriffen hat. Hilfreich war für ihn sicher auch, dass er bei der Wahl seines Wirtschaftsstaatssekretärs ausgesprochenes Geschick bewiesen hatte. Mit Volkmar Strauch holte er sich einen Mann an seine Seite, der intime Kenntnisse der Berliner Wirtschaft hatte. Diese wusste Gysi durchaus zu nutzen.

Er arbeitete zudem daran, Vorbehalte in der Wirtschaft abzubauen, die aus der Regierungsbeteiligung der PDS entstanden. Auch eine Reise in die USA stand unter diesem Vorzeichen, wie er gegenüber Wirtschaftsvertretern offen zugab. „Gysi hatte ein Ohr für die Unternehmen“, sagt Kleiner, er sei der Wirtschaft relativ unideologisch gegenübergetreten. Auch wenn man natürlich immer sehen müsse, dass Marktwirtschaft und PDS nicht zusammenpassen. Gysis Erfolg messen will allerdings niemand. Dafür sei die Amtszeit von einem halben Jahr, die zudem bis Ende Juni von den Sachzwängen eines fehlenden Haushalts geprägt gewesen sei, viel zu kurz gewesen.

In der Wirtschaft führen viele Gysis Rückzug darauf zurück, dass er die bürokratischen Hemmnisse und auch den mangelnden Gestaltungsspielraum durch die Finanzmisere Berlins unterschätzte. Hinzu kommt die notwendige Arbeit in unzähligen Gremien und Aufsichtsräten. „Da hat es ihm einfach keinen Spaß mehr gemacht. Er war doch eine Diva“, sagt einer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben