Berlin : Ziegenbock und Kanzelstreit

Manche sagen „Jüterbock“, andere „Jüterboog“ und nehmen den ulkigen Namen aufs Korn. Doch Jüterbog hat viel zu bieten: Hier kam die Reformation erst so richtig in Gang – heute werden die Kirchen, Klöster und Türme der Stadt liebevoll restauriert

Christoph Stollowsky

Es war ein paradiesisches Angebot. Der Mann in der Mönchskutte verkaufte den Jüterbogern einen sicheren Platz im Himmelreich. Im Frühjahr 1517 kam er mit einer riesigen Geldtruhe aus Eichenholz in ihre Nikolaikirche, pries seine Ablassbriefe wie ein Marktschreier an und hatte Erfolg: Die Gläubigen standen bei ihm Schlange. Selbst Räuber und Mörder mussten nicht fürchten, später in der Hölle zu rösten. Für neun Dukaten, die sie in seinen Kasten warfen, wurden alle Sünden mit päpstlichem Segen schriftlich vergeben. Bis zum Jahresende betrieb der Dominikanermönch Johannes Tetzel in der Stadt diesen ungewöhnlichen Handel. Er ahnte damals noch nicht, dass sein Auftritt in Jüterbog die geordnete Welt der katholischen Kirche kräftig durcheinander wirbeln würde.

„Jüterbog, das macht was her, den Ort mach ich noch populär!“ reimte rund 425 Jahre später der Berliner Kabarettist Hellmuth Krüger. Sein Chanson war als Satire auf die Provinz gemeint und spießte die Stadt in erster Linie wegen ihres ulkigen Namens auf. Doch näher betrachtet, hat Jüterbog durchaus einen Spitzenplatz unter Brandenburgs Ausflugszielen verdient, denn hinter seinen Stadttoren und Mauern kam die Reformation erst so richtig in Gang .

Hier trieb Johannes Tetzel seinen Ablasshandel auf die Spitze, indem er die Briefe erstmals stapelweise zu erschwinglichen Preisen unters Volk brachte. Seit 1504 kassierte er bereits für die Vergebung der Sünden, musste sich aber noch an gewisse Grenzen halten. Nun allerdings, seit dem Jahre 1517, durfte er sogar Ablässe für schon Verstorbene oder für die künftige Sünden verkaufen, weil der Papst und der Magdeburger Landesherr und Erzbischof Albrecht von Brandenburg dringend Geld brauchten – der eine zum Bau des Petersdoms, der andere, um seine Schulden zu tilgen.

Also schickten sie Tetzel nicht ohne Kalkül in die damals reiche Handelsstadt Jüterbog. Dies verfolgte der Doktor der Theologie, Martin Luther, im 30 Kilometer südwestlich entfernten Wittenberg mit wachsendem Zorn. Tetzels Treiben empörte ihn schließlich derart, dass er im Oktober 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte, was den verfeindeten Dominikanermönch zu Morddrohungen veranlasste. Erst verbrannte er Luthers Thesen auf dem Jüterboger Markt, dann kündigte er an, auch ihr Verfasser werde erbärmlich auf dem Scheiterhaufen enden.

Es waren aufregende Tage für die Bürger des Städtchens, zumal das Mönchsgezänk nach der Abreise des Ablasshändlers keineswegs endete. Nun lieferten sich die katholischen Franziskaner des örtlichen Mönchenklosters mit den nach Jüterbog entsandten reformatorischen Lutherschülern einen heftigen Kanzelstreit – besonders mit dem späteren revolutionären Prediger und Bauernführer Thomas Müntzer. Der hatte in der Nikolaikirche seine ersten öffentlichen Auftritte und zog heftig vom Leder. So erlebten die Bürger zu Ostern 1519, wie sich Müntzer und die Mönche in den Früh- und Nachmittagspredigten heftig beschuldigten. Bis heute erinnert das „Corpus delicti“, die Geldtruhe Tetzels in der Taufkapelle von St. Nikolai, an dieses Zerwürfnis und den Spruch: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“

Gold und Dukaten gab es im 16. Jahrhundert genug in Jüterbog. Unter der Herrschaft des Erzstiftes Magdeburg wurde die wohlhabende Stadt hofiert, sie war mit Türmen, Bastionen, Erdwällen und Dornenhecken außergewöhnlich stark befestigt und galt zudem als neutraler Boden wie heutzutage Liechtenstein, denn sie lag zwischen den angrenzenden Ländern Sachsen und Brandenburg. Verhandelte man Streitigkeiten, kamen die Kommissionen der Nachbarstaaten im „Fürstenzimmer“ des Jüterboger Rathauses zusammen.

Aber diese Blütezeit dauerte nur bis zum 30-jährigen Krieg (1618-1648). Pest, Hunger, Überfälle und Feuersbrünste verwüsteten den Ort, am Ende überlebten von einst 4000 Einwohnern noch 300. Bis zum Jahre 1635 gehörte Jüterbog noch zum Erzstift Magdeburg, danach kam es wie die meisten Städte im heutigen Süden Brandenburgs zu Sachsen und ab 1815 zu Preußen.

Nun begann Jüterbogs Militärkarriere. Es entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer der größten Garnisonsstädte Deutschlands und erhielt ab 1875 sogar eine eigene militärische Eisenbahn-Versuchsstrecke, die in Berlin-Schöneberg endete. Hier wurden die neuesten Züge bis zum propellergetriebenen Schienenzeppelin erprobt. Unglückliche Soldaten klagten nun allerdings über „Jammerbock“ – und noch zu DDR-Zeiten galt der Fläming als öde Manövergegend. Rund 50 000 Sowjetoldaten lebten bis zur Wende in der Stadt, neben 17 000 Einwohnern. Da nützte es gar nichts, dass die Jüterboger gerne mit ihrem Namen kokettierten. Welcher Sommerfrischler hatte schon „Bock auf Jüterbog“ oder „Jüterboog“?

Erst nach dem Mauerfall gelang die Wende. Es war ein gewaltiger Schritt von der Militär- zur Touristenstadt, beschleunigt durch die geniale Idee des „Fläming-Skate (siehe unten). Heute nennt sich Jüterbog „Kulturhauptstadt des Fläming“ und wird diesem Titel mit Musikfestivals, Konzert- und Theaterangeboten gerecht. „Jüterbog, das macht was her . . . “ hatte Hellmuth Krüger 1941 gereimt. Nun passt der Refrain des Chansons zum liebevoll hergerichteten historischen Stadtbild, zum weinumrankten „Ristorante Francesco“ unter den Türmen der Nikolaikirche, zum gemütlichen „Weinkontor“ am Markt oder zum „Kulturquartier Mönchenkloster“, das als neues Schmuckstück mit viel Engagement restauriert wird: „Mein Herz flammt wie ein Blütenstock, für Jüterbog, für Jüterbog“.

Nur in einer Sache geht es nicht so recht voran. Es bleibt im Dunkeln, wie die Stadt zu ihrem Namen kam. Und so erzählen die Jüterboger gerne die Legende aus jener Zeit, in der sie noch verzweifelt nach einem Namen suchten. Damals gelobten die Ratsherren, ihre Stadt solle nach dem benannt werden, der am Morgen des nächsten Tages vor ihren Augen als erster durchs Dammtor käme. Das war ein Mütterchen – „Frau Jutte“ mit ihrem Ziegenbock am Strick.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben