Berlin : Zigaretten-Schwarzmarkt in Firmen und Behörden

Tobias Arbinger

Die deutsch-polnische Organisation arbeitete im Stil vietnamesischer Banden und wurde nun bei einer Großaktion der Polizei enttarntTobias Arbinger

Der illegale Zigarettenhandel galt bislang als Domäne vietnamesischer Banden im Osten Berlins. Jetzt haben Polizei, Zoll und Bundesgrenzschutz erstmals einen Schmugglerring zerschlagen, der in den westlichen Bezirken aktiv war. Bei den Tätern handelt es sich überwiegend um Deutsche und Polen. "Im Westen Berlins sind die Bürger nicht weniger geneigt, unversteuerte Zigaretten zu kaufen", sagte Polizeipräsident Hagen Saberschinsky.

Die Tatverdächtigen verkauften ihre illegale Ware unter der Hand im Privaten und im Beschäftigtenkreis von Unternehmen. In zwei Großaktionen wurden seit vergangenem Freitag 14 Täter festgenommen. Neun wurden wegen Steuerhehlerei verhaftet. Gegen weitere 30 Beschuldigte ermittelt die Staatsanwaltschaft, darunter sind etliche Zwischenhändler. 250 000 Zigaretten, 117 000 Mark und mehrere Schusswaffen wurden sichergestellt.

Ein Verfahren gegen polnische Schmuggler in Frankfurt (Oder) hatte die Berliner Ermittlungsgruppe Zigarettenhandel auf die Spur des 38-jährigen Hauptverdächtigen gebracht. Nach Polizeierkenntnissen wurden die Zigaretten mehrmals die Woche in Lkw über die deutsch-polnische Grenze geschmuggelt. Nahe des Berliner Rings wurden sie in Kleintransporter umgeladen und von dort in Wohnungen und Lauben verfrachtet. Von Bekannten und Freunden des Hauptverdächtigen wurde die "heiße Ware" über Zwischenhändler in Betrieben verteilt. Firmennamen wollte die Polizei nicht nennen. Alle Branchen seien betroffen, sagte der Polizeipräsident. Neben 43 Lauben und Wohnungen, die als Lager dienten, wurden auch Betriebsräume in Firmen durchsucht.

Die Bande sei seit vier Jahren aktiv, hieß es. Allein in den vergangenen zwei Monaten schmuggelte sie Zigaretten im Wert von 4,5 Millionen Mark. Insgesamt liegt der durch sie entstandene Schaden für den Staat im zweistelligen Millionen-Bereich. Nach zehnwöchigen Ermittlungen wurde der Haupttäter, Beschäftigter einer Gleisbaufirma, am vergangenen Freitag in der Grüntaler Straße in Wedding festgenommen. Er besaß eine scharfe Schusswaffe. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist er "zum Teil geständig". Bei den Ermittlungen wurden auch Telefone angezapft.

Hagen Saberschinsky sagte, die Ermittlungen seien ein Erfolg der 1999 gegründeten Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Zigarettenhandel (GEZig) von Zoll und Polizei. Trotz erheblichen Aufwandes habe man bis dahin den Handel nicht unterbinden können. Die GEZig soll vor allem an die Hintermännner des Schmuggels herankommen. Seit 1995 ging die Polizei mit 25 000 Einsätzen gegen illegale Zigarettenhändler vor.

Im Osten der Stadt sei es gelungen, die Zahl der Straßenverkaufsplätze von 1200 auf 400 zu reduzieren. Zwar seien die vietnamesischen Banden "weitgehend zerschlagen" worden, sagte Saberschinsky. "Rudimente" bestünden aber weiter. Nach einer "relativen Ruhe" reorganisierten sich die Banden wieder. Der Straßenverkauf zieht nach Angaben des Polizeipräsidenten besonders viel Gewaltkriminalität nach sich, da die Händler häufig erpresst würden und rivalisierende Banden um lukrative Plätze kämpften. Erst den vergangenen Wochen gab es in dem Milieu zwei Mordanschläge.

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