Berlin : Zimmer mit Aussicht

Christian van Lessen

Mit fast 3000 Räumen ist er der größte und teuerste Verwaltungsneubau der deutschen Nachkriegszeit. 1,15 Milliarden Mark sind seit 1997 zwischen Spree und Pariser Platz beiderseits der Dorotheenstraße für das Jakob-Kaiser-Haus verbaut worden. Jakob Kaiser arbeitete am Grundgesetz mit und war führender CDU-Politiker der Nachkriegszeit, "Haus" steht für ein Viertel mit acht Gebäudeblöcken. Spätestens im Frühjahr sollen alle Büros bezogen sein. Zwei Drittel aller Parlamentarier werden hier arbeiten, 1329 Büros sind den einzelnden Fraktionen zugeordnet, 314 Räume stehen allen zur Verfügung. Ferner ziehen große Teile der Bundestagsverwaltung ein. Seit November wird der größte Parlamentsneubau der Stadt bezogen. Die offizielle Eröffnung ist für 23. Januar vorgesehen.

Von Klaus Kinkels Bürosessel im neuen Jakob-Kaiser-Haus bietet sich einer der aufregendsten Blicke auf den Reichstag. Wer hier sitzt, muss starke Nerven haben, sich nicht ablenken zu lassen. Vor den überdimensional großen Schrägfenstern scheint die Kuppel zum Greifen nah, deren Besucher können ihm fast auf den Schreibtisch schauen. Aber der Tisch ist leer, teilweise noch verpackt und staubig, das Mobiliar ohnehin noch unvollkommen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete und frühere Bundesaußenminister und Vizekanzler ist auch nicht zu sehen, weil er noch gar nicht eingezogen ist.

Wie FDP-Chef Guido Westerwelle, der sich nebenan mit einem vergleichsweise kargen Blick auf die andere Seite der Dorotheenstraße begnügen muss. Auch hier wartet alles auf den Einzug. Wie die Fraktionen ihre Büros von je dreimal 18 Quadratmetern für jeden Abgeordneten verteilen, ist ihre Sache. Überall sind schon die Namensschilder an Türen angebracht, etwa an Gregor Gysis recht düsterer Butze mit Hofblick, oder vor den lichten Büros von CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, CDU-Fraktionschef Friedrich Merz und seinem SPD-Kollegen Peter Struck. Sie können sich, wie Kinkel, auf Superaussichten freuen, diesmal allerdings direkt auf den Bogen der Spree, den Reichstag und die anderen Parlamentsneubauten am Wasser. Ein Blick, der Hinterbänkler neidisch machen könnte.

Noch ist der größte Gebäudekomplex des Bundestags weitgehend leer, knapp ein Drittel seiner Räume sind erst bezogen. Letzte Kabel werden installiert, Außenanlagen in Form gebracht, Möbel herangeschafft. Wer das "Haus" als Fremder von West nach Ost erschließen will, findet an der Dorotheenstraße 100 den geeigneten Zugang zu den "Nordblöcken". Der Besucher kommt in eine große Halle mit Galerien, hinter denen die Büros liegen, er blickt auf Säulen und Brücken, auf Wände aus Birkenholz und Parkettfußböden. Unterm Glasdach schweben vier farbige Rennachter der Künstlerin Christiane Möbus, auffallend sind Holztreppen, sie stehlen den dezenten Aufzügen die Schau. Im Untergeschoss führt ein heller Gang, am freigelegten Tunnelstück einer alten Warmwasserleitung vorbei, direkt zum Reichstag, und wer die 50 Meter nicht laufen will, kommt per Rollband voran.

Die Gebäude, so unterschiedlich sie von außen wirken, wirken innen fast wie eins, sind verbunden. So kommt es, dass sich die Fraktionen über die Häuser verteilen, Etagen durchgängig beziehen. Wie auf einer hallenartigen Allee lässt sich durch eine Bürolandschaft aus Holz, Glas, Stahl und Beton wandeln, an Höfen vorbei. Die zur Spree gerichteten "Kopfbauten", in denen auch Sitzungssäle untergebracht sind, waren bei der Vergabe am begehrtesten. Bald werden Bistro, Restaurant und Lesesaal die Allee säumen, die von einem Lichthof mit Steingarten unterbrochen ist. Schon ist man vom Ebertplatz im Westen an der Wilhelmstraße im Osten angekommen. Grün-graues Mattglas, dort das Nebeneinander von Sichtbeton und Holz, hier eine fast preußische Strenge, dort mediterrane Leichtigkeit mit Sonnenschutzlamellen: Verschiedene Architekten waren am Werk.

Die Querverbindung zu den "Südblöcken" auf der anderen Seite der Dorotheenstraße schaffen - der Weg über das Straßenpflaster bleibt jedem Parlamentarier unbenommen - zwei verglaste Verbindungsbrücken in Höhe des fünften Stockwerks und zwei helle Fußgängertunnel. Während der Nordbereich lediglich an der Stirnseite zum Reichstag das einstige Reichstagspräsidentenpalais als Sitz der Parlamentarischen Gesellschaft umrahmt, integrieren die Südblöcke zwei Altbauten. An der Ecke Ebertplatz die frühere Kammer der Technik (hinterm Glasdach übrigens das schöne Kinkel-Büro) und das frühere Bankhaus Sommer, Dorotheenstraße 99. Dieser Gründerzeitbau, noch vor Jahren ein trostlos grauer Klotz, der allein auf weiter Flur stand, wurde innen und außen sorgfältig restauriert, selbst alte Tresortüren der einstigen Bank blieben erhalten, und inmitten von Stahl, Glas und Beton bietet der verklinkerte Hinterhof einen wirkungsvollen Kontrast. Es gibt Sitzungssäle mit prächtigen Stuckdecken, die zum Teil vergoldet sind. Über die historische Umgebung wird sich besonders die PDS-Fraktion freuen können. Im Dachgeschoss hat übrigens Altkanzler Helmut Schmidt sein Büro.

Und tief unterm Jakob-Kaiser-Haus finden künftig 270 Autos Platz. Mit dem neuen Viertel haben der westliche Teil der Dorotheenstraße, das südliche Ufer der Spree und die nördliche Wilhelmstraße wieder eine bauliche Fassung erhalten. Hier wurden auch vier Läden eingerichtet, beispielsweise ein Buchladen und ein Frisiersalon. Und nicht nur im Inneren des Gebäudekomplexes zeigen sich die Handschriften mehrerer Architekten: Busmann & Haberer, von Gerkan, Marg & Partner, Thomas van den Valentyn, Schweger + Partner. Die Mobilfunkantennen auf dem Dach scheinen die filigrane Fassade fast zu erdrücken. Aber unter dem Mastenwald werden nicht nur Abgeordnete, sondern auch das Medienzentrum des Parlaments untergebracht. Unter Parlamentariern heißt es "Thierse-TV".

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