Zirkustiere : Zwischen Verbot und Verantwortung

Der Ausbruch und die anschließende Tötung einer Löwin aus einem Zirkus in Neuruppin entfacht eine Debatte um die artgerechte Haltung von Zirkustieren. Tierschützer halten die Käfige für Gefängnisse.

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Ausgebrochen, von Polizisten verfolgt, am Ufer des Ruppiner Sees umstellt und mit einem Schuss niedergestreckt: Die dramatische Flucht der rolligen Löwin Nala am Freitagnachmittag aus dem Zirkus Humberto in Neuruppin hat den Streit um Shownummern mit Wildtieren in der Manege neu angestachelt. Dressurvorführungen und die Haltung von Großtieren in Zirkussen müssten verboten werden – mit diesem Tenor kommentierten etliche Leser online auf Tagesspiegel.de und auf der Facebook-Seite des Tagesspiegels das schnelle Ende der Löwin. Zugleich fragten sie nach der Sicherheit solcher Darbietungen und bedauerten Nala: „Schade um das schöne Tier“, hieß es in einem Kommentar. Dass Dressuren von Großtieren verboten werden müssten, verlangten am Samstag auch die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ und die Grünen. Der Raubtier-Kurator des Berliner Zoos und Tierparks, Heiner Klös, mahnt Besonnenheit an. „Wenn Raubkatzen im Zirkus veranwortungsvoll gehalten werden, ist das in Ordnung“, sagt er.

Wie berichtet, rückte die Neuruppiner Polizei am Freitag zum Löwen-Alarm aus. Während einer Dressur-Vorstellung des Familienzirkusses hatte Löwin Nala zuvor den Dompteur und Direktor Joschi Ortmann (54) angegriffen. Sie wollte nicht in den Gittertunnel, der zum Käfig führt. Als Ortmanns Sohn zu Hilfe eilte und die Tür neben dem Tunnel öffnete, drängte sich das Tier in die Freiheit und rannte durch ein Wohngebiet und eine Gartenkolonie zum See.

Das Tier sei schon vor der Show am Freitag „brunftbedingt rollig und entsprechend aggressiv gewesen“, erklärte Zirkusdirektor Ortmann später. Warum nahm er die Löwin dann überhaupt mit in die Manege? „Es war noch im grünen Bereich“, sagte er am Samstag auf Nachfrage. Raubtier-Experte Klös vom Zoo quittiert das mit Kopfschütteln. Löwinnen seien ohnehin nervöser als Männchen. „Sind sie rollig, ist das noch ausgeprägter. Dann sollte man sie nicht in die Manege lassen.“ Der Vorfall in Neuruppin sei „wohl ziemlich abenteuerlich gelaufen“.

Der Amtsveterinär des Landkreises Ostpriegnitz-Ruppin, Ralf-Peter Roffeis, hatte vor dem Löwenalarm allerdings beim Zirkus Humberto nichts zu beanstanden. Wie in Berlin kontrollieren auch die Veterinäre in Brandenburg jeden Zirkus, bevor er an einen neuen Standort spielen darf. Die Käfige seien groß genug und entsprechend ausgerüstet gewesen für die drei Löwen des Zirkus Humberto, sagt Roffeis. Man kenne den Zirkus gut, weil er sein Winterquartier im Landkreis hatte. Roffeis: „Es war immer alles in Ordnung.“

Aus Sicht vieler Tierschützer ist dies allerdings „eine Frage des Maßstabes, den man anlegt“, so Claudia Hämmerlin von den Berliner Grünen. Für sie sind Zirkus-Käfige „Knäste“, eine „Quälerei, die dem Zeitgeist nicht mehr entspricht“. Raubtierexperte Klös widerspricht auch hier: „Dressuren in der Manege sind ein Stück Kulturgeschichte.“ Die meisten Zirkusleute kümmerten sich engagiert und kundig um ihre Tiere. „Wenn Löwen vernünftig gehalten und trainiert werden, geht es ihnen durchaus gut.“ Heutzutage seien ohnehin alle Dressurtiere im Zirkus oder Zoo geboren. Allerdings will Klös keinen Freibrief ausstellen. Auch er plädiert für Kontrollen, um „schwarze Schafe“ unter den Zirkussen zu stoppen.

Unterstützung bekam der Zoo-Kurator am Samstag von einem früheren Star unter den Raubtier-Dompteuren. Doris Arndt-Schaaf, heute 80 Jahre alt und in Berlin zu Hause, machte in den 60er Jahren im Circus Krone als 1,53 Meter kleine „Tiger-Braut“ mit Raubtier- und Eisbärennummern Karriere. „Erwachsene Löwen sind leidenschaftliche Schläfer“, sagt sie auf Nachfrage. „Ihnen reicht nach dem Fressen die Bewegung beim Training“. Kritisch sieht Doris Arndt-Schaaff jedoch den Werdegang ihrer heutigen Nachfolger. Eine professionelle Ausbildung gebe es „immer seltener.“ Vor allem, weil die Haltung von Großtieren im Zirkus durch die „vielen Anfeindungen“ erschwert werde.

Joschi Ortmann in Neuruppin erlernte den Dressurjob beim Vater. Sein Zirkus ist ein Familienunternehmen in der siebten Generation. „Da gehen wir bei uns in die Lehre.“

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