Zivilcourage : Tanz gegen die Angst

22.03.2009 00:00 UhrVon Rita Nikolow, Jörn Hasselmann
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Rot-Rot. Klaus Wowereit fühlte sich sichtlich wohl beim BVG-Fest inmitten des Balletts des „Clubs der Lebensfrohen“. Foto: Günter Peters

In Gesundbrunnen gab es einen BVG-Aktionstag gegen Gewalt und für Zivilcourage. Und viele machten mit.

Mit vier Kollegen steht Stephan Lange auf einer Bühne am S-Bahnhof Gesundbrunnen und stimmt ein Loblied auf seinen Berufsstand an: „Wir sind stolz, Busfahrer zu sein“, singen die fünf zu country-rockiger Begleitung, und Frontmann Lange ruft: „Schaut nicht weg und helft uns, die Angst wieder aus den Bussen zu vertreiben.“

Weil er den Vandalismus und die immer häufigeren Angriffe auf sich und seine Kollegen nicht mehr hinnehmen will, hat Stephan Lange an diesem Sonnabend einen BVG-Aktionstag auf dem Hanne-Sobek-Platz organisiert: BVG, Polizei, S-Bahn und das Quartiersmanagement Brunnenstraße haben Informationsstände aufgebaut.

Während sich am Stand der BVG die meisten eher für das neue Seniorenticket interessieren, sind viele Fragen am Stand der S-Bahn und der Polizei konkret auf das Thema Gewalt bezogen.

Das ist natürlich auch Thema auf der Bühne: Dort sprechen unter anderem der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD), Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) und Mittes Jugendstadtrat Rainer-Maria Fritsch (Linke). „Wir müssen uns dafür einsetzen, dass Kinder und Jugendliche die Regeln auch einhalten“, sagt Jugendstadtrat Fritsch, der kein Auto hat und fast täglich mit der BVG unterwegs ist. Er spreche junge Leute an, wenn sie ihre Füße auf die Sitze legten oder an den Haltestangen herumkletterten.

Dass man nicht den Helden spielen soll, wenn etwa im BVG-Waggon ein Mitfahrender bedroht wird, betont Klaus Wowereit: „Aber man sollte nicht wegschauen und Hilfe holen, wenn es möglich ist.“ Unterstützt haben den Aktionstag verschiedene Berliner Bands und Tanzgruppen.

Mehr Schutz sollen den Berliner Busfahrern auch die Sicherheitsscheiben bringen. In die neuen Busse wird diese Scheibe seit 2005 serienmäßig eingebaut, momentan werden vorhandene Fahrzeuge für zwei Millionen Euro nachgerüstet. Diese Scheibe schützt jedoch nur vor Angriffen von hinten. Vollständig geschlossene Fahrerkabinen wird es dagegen nicht geben.

Denn zum einen lehnen viele Fahrer diese Kabinen ab, weil sie sich „eingezwängt“ fühlen. Zudem darf die Kabine nur eingebaut werden, wenn der Fahrer eine Tür ins Freie hat. Dies jedoch würde eine sehr teure  Neukonstruktion der Busse erfordern. Der vom Senat initiierte „Runde Tisch gegen Gewalt im Nahverkehr“ hat sich deshalb einhellig gegen Kabinen ausgesprochen. So wird es wohl weiterhin Angriffe wie in der Nacht zu Sonnabend geben: In Müggelheim schlug ein Räuber auf den Fahrer des X69 ein, weil der die Einnahmen nicht herausgeben wollte. Obwohl ein Komplize dem Fahrer sogar mit einer Schreckschusswaffe ins Gesicht feuerte, wurde der 38-Jährige nur leicht verletzt. Die Täter flüchteten. Um solche Überfälle besser aufzuklären, hat die BVG den Einbau von Videokameras forciert: Derzeit werden zwei Drittel der Busse, ein Drittel der U-Bahnen und alle Bahnhöfe überwacht.

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg fordert ebenfalls Kameras in allen Waggons der Regionalexpress- und Regionalbahnlinien, die derzeit ausgeschrieben sind. Das betrifft ab 2011 rund 60 Prozent des Regionalnetzes, darunter die stark frequentierten Linien RE 1 und RE 2, aber auch den Zug zum Flughafen BBI.

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