Zivilpolizei auf Streife : Im Berliner Dreieck der Diebe

Zivilfahnder der Bundespolizei suchen Kriminelle im Ausgehviertel. Besonders viel wird an einer Treppe an der Warschauer Brücke gestohlen. Unterwegs auf Streife.

Lisa McMinn
Gefährliche Enge. Am Zugang zum Bahnhof Warschauer Straße passieren schon mal fünf Diebstahlversuche in zehn Minuten.
Gefährliche Enge. Am Zugang zum Bahnhof Warschauer Straße passieren schon mal fünf Diebstahlversuche in zehn Minuten.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es ist halb zehn, am Ostkreuz wird gedrängelt. Die Ringbahn steht bereit, das Warnsignal ertönt, ein Mann springt noch schnell in den Waggon, düdüüdü, dann schließen die Türen. An einer Balustrade neben Gleis 11 lehnt eine Frau. Sie mustert die Reisenden, die treppab zur Stadtbahn eilen. Der Wind pfeift kalt und hinterlässt rote Flecken auf ihrem Gesicht. Ihre Augen suchen die Rolltreppe ab, dann bleibt ihr Blick an einem Mann hängen. Breitbeinig steht er am Treppenaufgang, weite Jacke, kurzrasiertes Haar. Er starrt sie an. Sie nickt ihm zu. Dann geht er zu ihr: „Hier is nüscht.“ – „Weiterfahren?“

Sven Nowak und Heike Hoffmann sind zwei von zwölf Beamten der Zivilen Einsatzgruppe der Bundespolizei-Inspektion Ostbahnhof. Bundesweit ist es die Inspektion mit dem vierthöchsten Diebstahlaufkommen. Nowak und Hoffmann jagen Taschendiebe seit der Gründung der Truppe im Jahr 2002 – undercover, in Regenjacke und Turnschuhen. Hoffmann ist zierlich, Nowak nicht viel größer, aber dank Wollpulli und Jacke deutlich breiter. Vor der Wende war er LKW-Fahrer, dann beim Grenzschutz.

Die unterste Schicht seines Zwiebellooks ist eine schusssichere Weste. Auch Hoffmann trägt eine. Am Rücken klemmt jeweils eine Pistole im Holster, von außen unsichtbar. Handschellen trägt Hoffmann in einer Tasche um die Hüfte. Nowak und Hoffmann sind berufsverheiratet, seit über zehn Jahren verbringen sie fast jeden Tag zusammen.

Die Strecken zwischen Warschauer Straße, Ostkreuz und Frankfurter Allee sind das "magische Dreieck"

Die Frühschicht beginnt um sechs Uhr – Lagebesprechung mit dem Einsatzleiter. Im Büro hängen Fahndungsfotos von bekannten Langfingern. „Der Markt ist aufgeteilt zwischen Rumänen und Moldauern“, sagt Nowak. Es sind Clans, organisierte Taschendiebstahlbanden. Natürlich gebe es auch deutsche Diebe, aber das seien meist Einzeltäter.

Heute geht es für Nowak und Hoffmann ins „magische Dreieck“. So nennen die Polizisten die Strecken zwischen Warschauer Straße, Ostkreuz und Frankfurter Allee. Früher waren „erlebnisorientierte“ Jugendliche ein Problem, dann Drogen und Metalldiebstahl. All das gibt es noch, im Mittelpunkt stehen jetzt aber Diebe. Diese stehlen Handys und Portemonnaies, spähen PIN-Nummern an Automaten aus. Nachts sind die Banden oft gewalttätig, nutzen die Hilflosigkeit müder oder angetrunkener Fahrgäste aus.

Ihre erste Station ist Ostkreuz. Nichts. Also eine Station weiter zur Frankfurter Allee. Im Gegensatz zum Ostkreuz beschaulich. Doch die Station hat ihre Tücken: Es ist ein Umstieg zur BVG und viele Ebenen versprechen viele Verstecke. „Der steht da schon die ganze Zeit“, sagt Nowak und deutet auf einen Mann mit strähnigem Haar und gesenktem Kopf. Er schleicht um den Automaten, wenn jemand ein Ticket gezogen hat, tastet er im Ausgabefach nach Münzen. Die Beamten lassen ihn gewähren.

Viele Leute achten nicht mehr auf das, was um sie herum passiert

Die Fahrt geht weiter. Auf dem Bahnsteig der Prenzlauer Allee fallen ihnen zwei Männer auf. Einer trägt einen leeren Rucksack. Die beiden steigen in die Bahn, Nowak und Hoffmann folgen. Nowak lehnt sich locker gegen eine Fensterscheibe, Hoffmann steht im Gang. Der Rucksacklose der beiden Männer steckt an jeder Haltestelle den Kopf aus der Tür, schaut nach links und rechts – nervös.

Viele machten es Dieben leicht, sagen die Polizisten. Frauen schließen ihre Taschen nicht, Männer tragen das Portmonnaie in der Gesäßtasche. Ein weiteres Problem: Es gibt immer weniger Zeugen. Viele sehen nur noch aufs Smartphone, tragen Kopfhörer und bekommen nicht mehr mit, was neben Ihnen passiert.

Die Fahrt geht nur bis Treptower Allee. Die Männer steigen aus, verschwinden in der Unterführung. Wieder nichts. 12.000 Taschendiebstähle wurden 2015 von der Bundespolizei in Zügen und auf Bahnhöfen gezählt. Am meisten geklaut wird am Hauptbahnhof. Charlottenburg und Friedrichstraße sind beliebt wegen der vielen Touristen. Bis August wurden 9500 Taten gezählt, die Zahl aus 2015 dürfte also deutlich steigen.

"Die armen Jungs, müssen alle klauen gehen"

Mit Festnahmen in der Öffentlichkeit seien sie sehr vorsichtig geworden, sagen die Polizisten: „Oft fragen wir uns: Machen wir das hier oder woanders?“. Ihre Autorität würde von vielen Reisenden in Frage gestellt, sagen sie. Viele Fahrgäste würden sofort ihre Dienstausweise sehen wollen, stellten die Härte ihres Vorgehens infrage.

Mittagspause, die Polizisten sind zurück am Ostkreuz. „Machste mir ’ne Ketti?“, fragt Nowak den Verkäufer des Wurststands am Ausgang zur Sonntagstraße. Der Verkäufer spießt ein Loch in ein Brötchen und fischt eine Ketwurst aus dem Köcher. „Haste was gesehen?“, schiebt Nowak nach, während er zahlt. „Am Freitag“, sagt der Wurstverkäufer, „die armen Jungs, müssen alle klauen gehen.“ Nowak und der Verkäufer kennen sich seit über zehn Jahren. Er weiß, wen der Verkäufer meint, es sind immer die Gleichen. Sie kennen die Gesichter - und die Gesichter kennen sie. Das sei kaum zu vermeiden, sagt Nowak: „Entweder es ist einer von denen oder einer von uns. Kein anderer fährt immer wieder seine Runden.“ Ein Taschendieb muss häufig klauen, bis er ins Gefängnis kommt. So gehört es zum Alltag von Nowak und Hoffmann, dass sie heute schon wiedertreffen, wen sie gestern festgenommen haben.

Meist werden nur Geldbußen verhängt

Acht Stunden sind die Polizisten nun im Einsatz. Ihr Tag endet an der Warschauer Straße. Am Wochenende, wenn Touristen und Studenten zum Feiern in die Clubs aufs RAW-Gelände strömen, ist für die Diebe hier Hochzeit. Nur eine Treppe führt zum Bahnsteig. „Hier haben wir schon fünf Diebstahlversuche in zehn Minuten beobachtet - die Treppe hat ’ne Magie“, sagt Nowak. Verbrecherjagd ist Sisyphusarbeit. Heute haben die Beiden keinen Erfolg. Worauf sie stolz sind? Acht Monate auf Bewährung hätte letztens eine ihrer Festnahmen bekommen. Das sei schon viel, oft würden nur Geldbußen verhängt. „Am besten hört man sich das Urteil nicht an", sagt Nowak.

Die Namen der beiden Beamten wurden von der Redaktion geändert.

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