Berlin : Zoff auf dem Bauernhof

Auf der Domäne Dahlem wird um neue Projekte gestritten. Kritiker klagen über den aggressiven Ton der Geschäftsführung.

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Zwist auf dem alten Rittergut. Wegen der ländlichen Idylle kommen viele Besucher zur Domäne Dahlem. Von den Streitereien um neue Projekte bekommen sie in der Regel nichts mit. Fotos: Thilo Rückeis
Zwist auf dem alten Rittergut. Wegen der ländlichen Idylle kommen viele Besucher zur Domäne Dahlem. Von den Streitereien um neue...

Veränderung ist das Wort der Stunde. Für Manfred Salzmann bedeutet es nur Positives. „Auch in Zukunft wollen wir hier kein Schicki-Micki, sondern den Standort behutsam weiterentwickeln“, sagt der Vorstand und Kaufmännische Direktor der Stiftung Domäne Dahlem. Die geplanten Innovationen seien nicht radikal, sondern würden im Zeichen der kontinuierlichen Entwicklung stehen, die die Domäne seit ihrer Gründung als Landgut und Freilandmuseum „mit volksbildendem Charakter“ im Jahr 1976 vollzogen hat. So soll bis Ende April ein integrativer Kinderspielplatz gebaut werden und die Gastronomie unter dem Remisendach einen neuen Fußboden bekommen. Der derzeit teilweise noch ungenutzte ehemalige Pferdestall soll ebenfalls noch in diesem Jahr als „Culinarium“ mit Museumsanteil für private Feiern zur Verfügung stehen. 2013 soll dann die Remise vergrößert und mit Glastüren ausgestattet werden; dann soll die dort ansässige Gastronomie mehr Gerichte mit auf der Domäne erwirtschafteten Bio-Produkten anbieten. Außerdem ist geplant, dass der zurzeit unzureichend gegen Wärme und Kälte geschützte Hofladen einen neuen Standort gegenüber dem U-Bahnhof Dahlem-Dorf bekommt. „Es ist gut, wenn sich etwas bewegt. Einiges hier wirkt verschlafen und nicht mehr ganz zeitgemäß“, begrüßt ein Anwohner, der das historische Rittergut regelmäßig besucht, die Pläne.

Andere begegnen den Neuerungen jedoch mit Skepsis. „Weder Herr Salzmann noch Museumsdirektor Peter Lummel scheinen im Herzen Kulturmenschen. Ich bezweifle, dass sie den über viele Jahre gewachsenen kooperativen Geist der Domäne richtig erfassen und ihm mit ihren Plänen gerecht werden“, sagt einer, der das museale Profil der Domäne seit über 20 Jahren mitgestaltet. Doch gilt das Misstrauen nicht nur den mit EU- und Landesmitteln finanzierten Projekten der nächsten Jahre. Nicht wenige Kritiker reiben sich auch an den bereits stattgefundenen Veränderungen seit Gründung der selbstständigen Stiftung im Jahr 2009. Sie sprechen von einem neuen „aggressiven und respektlosen Umgangston“ und bringen diesen vor allem mit der Person Salzmann in Verbindung. „Es gibt deswegen einen großen Stimmungseinbruch unter vielen verdienstvollen Mitgliedern“, berichtet Dieter Großklaus, ehemaliger Präsident des Bundesgesundheitsamtes und Gründungsmitglied der 1976 ins Leben gerufenen Bürgerinitiative „Freunde der Domäne Dahlem“. Es habe bereits einige Vereinsaustritte gegeben.

Wieder anderen hat der neue Wind sogar echte Existenzprobleme beschert: Noch immer weisen auf dem Gelände Schilder den Weg zur Stellmacherei und zur Blaudruckerei. Doch der Eindruck, die Domäne sei immer noch ein Ort mit jeder Menge traditioneller Handwerkskunst, täuscht. Beide Werkstätten, früher Anziehungspunkte für zahlreiche interessierte Besucher und potentielle Käufer, stehen leer, die Stellmacherei von Jan Roeber seit Ende 2009 und die Blaudruckerei von Eva Maria Krüger und ihrem Mann Michael seit Januar 2012. Tatsächlich sind derzeit auf der Domäne nur noch der Schmied Torsten Theel und die Töpferin Regine Lüder sowie eine ehrenamtlich organisierte Spinn- und Webgruppe tätig. „Man hat uns regelrecht rausgeekelt und seit Stiftungsgründung einen persönlichen Machtkampf gegen uns geführt“, sagt Krüger. Im Januar sei den Blaudruckern, so erzählen diese, nach fast 24 Jahren auf der Domäne der Strom abgesperrt worden, von einem Tag auf den anderen seien Schlösser an den Werkstatttüren angebracht worden. Unschöne Szenen zwischen Krüger und Salzmann fanden statt, einmal rief Krüger sogar die Polizei. Nun hofft sie darauf, dass sie vor dem Landgericht Erfolg hat mit ihrer Klage gegen die, so Krüger, neuen „Knebelverträge“, erstmals mit Mietzahlungs- und Anwesenheitspflicht. Der alleinerziehende Vater Roeber wurde durch die Schließung seines Standortes sogar zum Sozialfall. „Hier findet eine Gentrifizierung sehr enttäuschenden Ausmaßes statt“, sagt der 45-Jährige. Wie die anderen Handwerker vermisse er die Anerkennung für jahrzehntelange engagierte Arbeit. Vor allem sei er zu der verlangten „Form der Leibeigenschaft“ nicht bereit.

Salzmann hat jedoch eine ganz andere Sicht auf den Konflikt: Die Handwerker hätten bereits seit 2001 gewusst, dass sie irgendwann, spätestens nach der inzwischen erfolgten Sanierung des Werkstattgebäudes, Miete zahlen müssen, sagt er. „Wer nicht bereit ist, 3,50 Euro Miete zu zahlen und seine Werkstatt für den täglichen Publikumsverkehr zu öffnen, hat hier einfach nichts verloren“, sagt der 55-Jährige, der zuvor gut sechs Jahre als Schatzmeister für den Domäne-Verein tätig war. Die Blaudruckerei etwa hat eine Fläche von rund 70 Quadratmetern. Und Krügers wolle er auf der Domäne sowieso nicht mehr haben, sagt Salzmann. Es habe zu viel böses Blut gegeben, die Werkstatt sei angeblich zu selten geöffnet gewesen und so sei er mit einem anderen Blaudrucker und einer Fassmalerin im Gespräch, um für Ersatz zu sorgen. „Wir müssen schließlich rechtfertigen, was wir mit den Steuergeldern machen“, sagt Salzmann. Außerdem seien nur 50 Prozent der Ausgaben durch Landesmittel gedeckt, der Rest müsse erwirtschaftet werden.

Keine Rede ist heute mehr davon, dass es unter dem früheren Vereinsvorsitzenden Egbert Jahnke Berechnungen gab, nach denen die Domäne sogar noch draufzahlen müsse, würden die Handwerker all die mit Besucherbetreuung und museumspädagogischer Arbeit ausgefüllten Stunden in Rechnung stellen. Auch die Senatsverwaltung für Kultur, die das Freilandmuseum mit jährlich rund 350 000 Euro unterstützt, will von solch „unzeitgemäßen Überlegungen“ nichts wissen. Und so erfährt Salzmann von Seiten der Politik – Kulturstaatssekretär André Schmitz ist Mitglied im Stiftungskuratorium und war 2011 dessen Vorsitzender – Rückendeckung für den neuen Unternehmensgeist. Dass schon mehrere Freunde und Vereinsmitglieder der Domäne enttäuschte Beschwerdebriefe an Schmitz geschrieben haben, ohne je eine Antwort erhalten zu haben, nimmt dessen Sprecher Torsten Wöhlert gelassen: „Man kann nicht von uns erwarten, dass wir uns in diesen Kleinkrieg mischen.“

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