Berlin : Zoff auf Multikulti

In Tempelhof entstehen 24 neue Folgen der Kreuzberg-Sitkom „Türkisch für Anfänger“

Anne Haeming

Der Imbissstand vor Halle acht trägt rechts und links eine Fahne, schwarz-rot-gold. Hinter den schweren Hallentüren wohnen zur Zeit zwei Berliner Familien, eine deutsche und eine deutsch-türkische. Sie sollen wieder mal eins werden, 24 Folgen lang.

Auf einem Industriegelände in Tempelhof wird seit Beginn der Woche die zweite Staffel der ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“ gedreht. Die erste lief im vergangenen Frühjahr, mit Erfolg. Der liegt unter anderem an Josefine Preuß, gebürtige Potsdamerin, 20. In der Fiktion: Lena Schneider, Zwangskreuzbergerin, 16. Beide rothaarig, mädchenhaft und nicht auf den Mund gefallen. Die Story: Türkischer Kommissar liebt deutsche Therapeutin, man zieht zusammen, beider Kinder mauern. Stand der Dinge: Deutsche Tochter mit großer Klappe verknallt sich in türkischen Sohn mit prolliger Ballonseide.

Sie trafen nun zum ersten Mal seit vergangenen August wieder aufeinander, am gewohnten Drehort Halle acht. „Es ist, als wäre keine Drehpause gewesen“, sagt Preuß, den weißen Frotteebademantel festgezurrt, drunter blitzt ein Nachthemd. Lena ist in der letzten Szene gerade aufgewacht, Josefine wartet auf ihr Mittagessen.

Die Macher liegen mit dem Thema der Serie offenbar richtig: Die beiden Berliner Familien, die auf einmal eine einzige werden sollen, haben mit ihrem dezent inszenierten Kreuzberger Kulturclash nicht nur die Vorabendgucker überzeugt. „Türkisch für Anfänger“ ist in mehreren Kategorien für die „Goldene Nymphe“ nominiert, die am Sonnabend beim Fernsehfestival von Monte Carlo verliehen wurde. Beste Komödienserie, beste Hauptdarstellerin, beste Produktion. „Aber seien wir mal ehrlich: Die Damen von ,Desperate Housewives’ stehen auch auf der Liste.“ Preuß winkt ab. Ob es die Produzenten trotzdem schaffen?

Lena ist, was man sich unter einer Berliner Kodderschnauze vorstellt. „Ich habe sie so angelegt“, sagt die Schauspielerin. Ein Satz wie „Wenn ihr grillen wollt, dann geht doch in den Tiergarten!“ ist typisch, wurde aber rausgeschnitten. Auch äußerlich verweist die Figur auf die Berliner Gören von heute: uniformierter Individualismus, bunt und eigenwillig. In Mitte und Prenzlauer Berg läuft man so rum, die Darstellerin wohnt dazwischen.

Sie klingt ein wenig begeisterter, wenn sie über Kreuzberg spricht, den Bezirk, in dem sich „das Alltagsleben mehr auf der Straße abspielt“. Sie hat hier zwei Jahre lang die Schauspielschule Etage besucht und kennt den Kiez, in dem Lena, Cem, Doris, Yagmur, Nils und Metin wohnen. „Eigentlich kann das überall spielen“, findet Preuß. „Multikulti gibt es doch in anderen Städten genauso.“ Aber Kreuzberg, das Berliner „Klein-Istanbul“, sei eben in der Wahrnehmung der Deutschen charakteristisch für das Zusammenleben vieler Nationen.

Die Sitcom sei aber kein Modellbeispiel, sagt sie, sondern eben fernsehtaugliche Inszenierung. „Wir machen keinen Lehrfilm“, da ist sie energisch. Integration findet in der Serie im Kleinen statt. Keifereien wegen Schweinefleisch, Ramadan und modernen Müttern, die nicht kochen können müssen, skizzieren Konflikte. Eine Metapher für die ganze Nation solle diese neue Zwei-in-eins-Familie sein, hat Produzent Alban Rehnitz einmal gesagt. Auch wenn eine TV-Serie nicht als Gesellschaftsentwurf taugt, hat die neue Staffel eine eindeutige Haltung: „Jetze“, sagt die Hauptdarstellerin, „jetze geht’s weniger um die Kulturkonflikte zwischen Deutschen und Deutsch-Türken.“ Jetze gibt’s in erster Linie ganz normalen Familienzoff.

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