Berlin : Zoll für Zoll das alte Gesicht

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Von Holger Wild

Wie baut man eine Fassade nach, die zwischen 1698 und 1716 von Hunderten Steinmetzen gemeißelt, von Dutzenden Bildhauern verziert worden ist? Deren Baupläne verloren sind. Von der in Jahrhunderten dort ein Gesimsteil absprang, da ein Widderkopf die Spitze seines Horns verlor. Mehr als 50 Jahre nach der Zerstörung der Fassade, ihres Bauschmucks und des gesamten Gebäudes, deren Gesicht sie war. Diese Frage hat der Bundestag sich nicht gestellt, als er die Neuerrichtung der barocken Stadtschloss-Fassade beschlossen hat – das musste er auch nicht.

Denn, so sagen die Berliner Architekten Rupert und York Stuhlemmer, die Wieder-Herstellung ist möglich. Originalgetreu und genau bis in den Viertel-Zoll-Bereich hinein, sogar die Technik der damaligen Steinmetze werde man nachvollziehen können.

Unweit des Schlosses, auf dem Grundstück Unter den Linden 1, wird gerade der Beweis angetreten. Dort entsteht die Kommandantur neu, mit originalgetreuer Fassade auch sie. Geplant nach der gleichen Methode, wie sie auch beim Schloss zum Einsatz kommen soll. Die Grundlage bildet ein Berliner Katasterplan von 1880 – und das preußische Messbildarchiv mit 20 000 zwischen 1885 und 1920 angefertigten Aufnahmen Berliner Bauwerke in bester fotografischer Qualität. 40 Bildplatten zeigen die Außen- und Hoffassaden des Schlosses – doch perspektivisch verzerrt. Damit kann noch kein Bauarbeiter, kein Steinmetz etwas anfangen. Deshalb wurden Computer gefüttert. Mit den Messbildern, mit Karten, Plänen und Gemälden, mit den Maßen noch bestehender Gebäude, wenn sie auf den Fotos am Rande zu sehen sind. So konnten die Fassadenaufnahmen entzerrt werden, ohne die damaligen Standorte der Kameras – damit die Perspektive – zu kennen.

Zwei Fensterachsen des Schlosses konnten die Stuhlemmers mit dem Fachbereich Photogrammetrie der TU Berlin so in Originalgröße und bis auf den halben Zentimeter genau wiedergeben. Ein solcher „Aufriss“ wäre jederzeit auch für die übrigen 62 Fensterachsen der Außenfassade des Schlosses möglich. „Mit allen Variationen in den Fenstergewänden, -verdachungen und -gesimsen, die das unterschiedliche handwerkliche Geschick der Steinmetze bedingte; mit allen Verschiedenheiten in der Ausführung des plastischen Schmucks durch die einzelnen Künstler“, sagt Rupert Stuhlemmer.

Doch auch der Aufriss eines Fassadenabschnittes ist noch keine Ausführungszeichnung. Es fehlen die Maßangaben. Die aber enthält ein Aufmaß einer kompletten Achse von um 1880. Stuhlemmer rechnet nun die Zentimeterangaben in Zoll um: Denn es soll mit dem ursprünglichen Maß gearbeitet werden, wenn im August ein Pilotprojekt beginnt, zwei Fenster „Schlüter Urtyp“ (Stuhlemmer) – Erdgeschoss und erster Stock – von Steinmetzlehrlingen ausführen zu lassen. In Handarbeit und alter Technik, zum Beweis: Es geht.

Bleibt der künstlerische Bildschmuck. Die Adler, Widderköpfe, Hermen. Von ihnen könnten Bildhauer Repliken anfertigen. Oder könnten sie nachempfinden. Das wäre eine ästhetische Entscheidung, keine praktische.

Und dann ist da ja noch der Schutt des gesprengten Schlosses. Allein ein Fünftel wird im Friedrichshain vermutet. Weniger Bau- als weiteres Informationsmaterial, sagt Stuhlemmer: „Eine Aufgabe für Archäologen.“

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