Berlin : Zollfahndung: "An jeder Schmuggelzigarette klebt Blut"

Werner Schmidt

Neun Monate dauerten die Ermittlungen, dann aber hatte sich für Polizei und Zoll der Aufwand gelohnt: Gestern und am Dienstag wurden 14 Polen, Balten und Vietnamesen festgenommen, die als die Köpfe des illegalen Zigarettenhandels in und um Berlin gelten. Gestern Vormittag wurden in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern 29 Wohnungen, Geschäfte und Lager durchsucht und fünf Haftbefehle vollstreckt.

Die Polizei zerschlug zwei vietnamesische Banden, die den Zigaretten-Großhandel in Berlin in der Hand gehabt haben sollen. Eine polnische Bande, die in ihrer Heimat hauptsächlich im Rotlicht-Milieu arbeitete, hatte ihre Machenschaften ausgeweitet und schmuggelte Zigaretten aus Osteuropa nach Deutschland. Die Mehrzahl der hier festgenommenen polnischen Täter wird in Polen wegen Mordes gesucht. Nach den Worten von Oberstaatsanwalt Bernhard Brocher ertränkten sie einen unliebsam gewordenen Konkurrenten in der Oder, nachdem sie ihn mit 25 Kilo Gewichten beschwert hatten. Bei Bandenstreitigkeiten schossen sie unter anderem mit Kalaschnikows um sich und warfen Handgranaten.

Auch sonst gingen sie nicht zimperlich vor: Aus Geldgier und Rache, wenn Zigaretten auch von anderen Großhändlern bezogen wurden, planten sie einen Raubüberfall auf ihre vietnamesischen Zigarettenabnehmer. Dafür heuerten die Polen im Dezember vergangenen Jahres einen bei ihrem Geschäftspartner nicht bekannten Komplizen an, der 15 000 Stangen Zigaretten anbot. Bedingung war, dass das Geld zuvor an einem konspirativen Ort - gewählt wurde eine Wohnung in Wilmersdorf - gezählt werden durfte.

Während der vermeintliche Zigarettenverkäufer die vereinbarten 300 000 Mark zählte, stürmten dessen Komplizen die Wohnung, knüppelten die Vietnamesen brutal nieder und flohen. Einen der Verletzten, der sie verfolgte, schossen sie im Treppenhaus nieder. Zwei der insgesamt fünf Täter, darunter der Drahtzieher, sitzen in Untersuchungshaft.

"Weltweit wird mit dem illegalen Zigarettenhandel mehr Geld verdient als mit Drogen", sagte der Oberstaatsanwalt. Er wies darauf hin, dass Käufer den Zigarettenschmuggel häufig als "Kavaliersdelikt" abtäten. Tatsächlich aber "klebt an jeder illegalen Zigarette Blut". Es gebe allerdings keine Hinweise darauf, dass die vietnamesischen Zigaretten-Großhändler an den teils blutigen Erpressungen der Straßenhändler um Schutzgeld beteiligt seien, sagte Bernhard Brocher. Die während der aufwendigen und langwierigen Ermittlungen aufgedeckten Bandenstrukturen trügen alle Zeichen der Organisierten Kriminalität: Die Täter gingen plan- und gewerbsmäßig vor, waren hierarchisch gegliedert und hatten Teile ihrer Gewinne in legale Geschäfte investiert, zum Beispiel in Blumenläden und Kioske in U-Bahnhöfen.

Insgesamt 14 Verdächtige sind derzeit in Haft. Mehr als 27 Millionen Schmuggelzigaretten wurden im Laufe der Ermittlungen sichergestellt. Den seit Beginn der Ermittlungen im Juli 2000 festgestellten Steuerschaden bezifferte Brocher gestern auf über 6,6 Millionen Mark.

Ein Großteil des gefundenen Vermögens der Banden wurde sichergestellt. Allein während der gestrigen Durchsuchungen beschlagnahmten die Beamten fünf Autos, rund 30 000 Mark sowie über 3000 US-Dollar. Die in den vergangenen neun Monaten sichergestellten Vermögenswerte liegen aber deutlich höher: Die Staatsanwaltschaft rechnet mit Werten in Höhe von etwa 2,8 Millionen Mark.

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