Berlin : Zoofenster mit trüben Aussichten

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Der schöne Plan ist hin: Zum morgen beginnenden Weltkongress der Architektur (UIA) hätte die Stadtentwicklungsverwaltung den rund 6000 Gästen gern neben Berlins Paradeprojekten in Mitte auch eine weithin fertig geplante neue City-West präsentiert. Mit dem Hochhausprojekt „Zoofenster“ als Höhepunkt. Mit dem Ausheben der Baugrube vor drei Monaten schien der Bau endlich in Gang gekommen. Aber Hiltons aktuelle Hiobsbotschaft, nun doch nicht als Hotelbetreiber in das 38-stöckige Hochhaus einziehen zu wollen und die intensive Suche der Grundstückseigentümer nach neuen Partnern haben bei den Stadtplanern der Behörden einen kleinen Schock ausgelöst. Wieder einmal. Das Zoofenster hat erneut kräftige Sprünge bekommen, und sie geben Kritikern Recht, die immer schon sagten, über dem Bauvorhaben am Bahnhof Zoo stünde kein guter Stern. Nun stoppen die Bauvorbereitungen, und die Diskussionen um das Für und Wider dieses Bauvorhabens beginnen wieder. So lange ist jedenfalls noch nie in Berlin über ein Projekt geredet, gefeilscht und gerungen worden. Als vor rund zehn Jahren der damalige Bausenator Wolfgang Nagel beim ersten symbolischen Spatenstich das Hochhaus ankündigte, gab es heftige Diskussionen um den ersten Entwurf des Londoner Star-Architekten Richard Rogers. Sein Hochhaus schien die Maße der City zu sprengen. Es wurde genehmigt und dann wieder verworfen. Es gab Ärger beim Abriss der Nachkriegsbauten, weil ein Bagger fast noch eine Gnadenfrist des Kibek-Hauses verkürzt und den Flachbau in Schutt gelegt hatte. Es gab weitere symbolische Spatenstiche, und Grundsteinlegungen, feierliche Lobeshymnen, traurige Abgesänge, Grundstückskäufe und -verkäufe, und das alles mitten in Berlin, am Bahnhof Zoo, zwischen Hardenberg-, Joachimstaler- und Kantstraße. Die freie Baufläche ist seit Jahren die größte Wunde im Stadtbild rund um Zoo und Breitscheidplatz.

Der Getränkekonzern Brau und Brunnen, der Anfang der neunziger Jahre seine Baupläne für rund 300 Millionen Mark vorlegte, wollte Großes, die flache Bebauung der fünfziger Jahre schien unwirtschaftlich. Wie alle Bauinvestoren dieser Zeit setzte er auf eine ständig wachsende Hauptstadt-Nachfrage für Büro- und Gewerberäume, vertraute auf steigende Mieten und hohen Gewinn. Aber es fehlten potenzielle Mieter, zudem brach in den folgenden Jahren der Immobilienmarkt zusammen, der Konzern selbst war nicht mehr so flüssig, und viele Banken begannen, bei Immobiliengeschäften misstrauischer zu werden. Außerdem erkannte die Senatsbauverwaltung vor gut fünf Jahren, dass es ein städtebauliches Konzept nicht gab; sie ließ den Frankfurter Architekten Christoph Mäckler eine Hochhaus-Verträglichkeitsstudie für die City West anfertigen. Brau und Brunnen entschied sich für einen „stadtverträglichen“ Hochhaus-Entwurf mit publikumsfreundlichen Sockelgeschossen. Entworfen wurde das neue Konzept von Christoph Mäckler, mit Zustimmung der Senatsverwaltung, damals unter Leitung des CDU-Politkers Jürgen Klemann und seiner Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit. Im Hochhaus waren nun vor allem Luxuswohnungen geplant. Als neuer Investor präsentierte sich 1999 die Kölner Immobilienfirma Dr. Ebertz und Partner, die mit dem damaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen einen symbolischen Spatenstich feierte. Doch kurz danach zog sich das Unternehmen wieder zurück und Brau und Brunnen kündigte den „endgültigen Verkauf“ des Projekts an.

Aber es ging wieder nicht voran, bis Anfang letztes Jahres endlich Zugluft in das Zoofenster zu kommen schien. Brau und Brunnen hatte Grundstück samt Baurecht an ein Unternehmen ns Trans Arab Support Services verkauft, das in Fachkreisen niemand kannte. Es wollte im Hochhaus ein Fünf-Sterne-Hotel für die Raffles-Gruppe einrichten. Die Baugenehmigung war inzwischen erneuert worden. Aber wenige Monate später trat der Getränkekonzern „vorsorglich“ vom Kauf zurück, weil er vergeblich auf Geld aus Abu Dhabi gewartet hatte.

Im vergangenen Oktober kaufte Ebertz Grundstück und Projekt zum zweiten Mal und kündigte an, das Hilton-Hotel werde einziehen. Endlich begannen auch Arbeiten an der Baugrube. Das Bezirksamt kritisierte, dass keinerlei Wohnungen im Bau mehr geplant sind, wie es ursprünglich mal sein sollte. Mit der Senatsbauverwaltung und den Investoren kündigte sich ein Konflikt an.

Aus Behörden ist spöttisch zu hören, dass man dem Architektenkongress das Projekt dennoch präsentieren könnte: Als Musterbeispiel einer Kette von voreiligen Entschlüssen und falschen Erwartungen im Herzen einer Metropole.Christian van Lessen

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