Berlin : Zorniger Kampf gegen die Bagger

In der Lausitz muss sich Wirtschaftsminister Christoffers den Anwohnern stellen Ihre Dörfer sind durch die neuen Braunkohle-Tagebaugebiete gefährdet.

 Alexander Fröhlich
Protest gegen die Kohle. Seit Jahren schon demonstrieren Umweltverbände und Betroffene gegen die Abbaggerung weiterer Ortschaften. Foto: Bernd Settnik/dpa
Protest gegen die Kohle. Seit Jahren schon demonstrieren Umweltverbände und Betroffene gegen die Abbaggerung weiterer Ortschaften....Foto: picture-alliance/ ZB

Groß Gastrose - Ralf Christoffers schenkt sich nichts. Mehr als 250 Menschen sind in die Turnhalle von Groß Gastrose gekommen. Die „Klinger Runde“, eine Initiative von Braunkohlegegnern, hat ihn eingeladen. Es ist ein alter DDR-Bau, der Putz bröckelt, an den Wänden hängen Protestplakate: „Unsere Heimat kann man nicht abkaufen“, steht darauf. Hier ist Brandenburgs Braunkohlerevier, hier fressen sich riesige Bagger durch die platte Lausitz, damit der Energiekonzern Vattenfall in seinem Kraftwerk Jänschwalde die Kohle zu Strom verfeuern kann. Und hier wird Brandenburg wegen des Kohlendioxids (CO2) zu Deutschlands größtem Klimakiller. Und Christoffers (Linke) soll als Wirtschaftsminister das alles erklären – im Kampfgebiet um die Zukunft der brandenburgischen Energiepolitik, direkt an der Frontlinie in den von Tagebauen bedrohten Dörfern. Christoffers schlägt blanke Wut entgegen, die Bürger brüllen, schimpfen über Vattenfall, den schwedischen Konzern, der in der Lausitz Profite einstreicht und eine geschundene Landschaft hinterlässt. Über die Landesregierung, die sie im Stich lasse.

Dabei waren sich die Menschen hier lange sicher, dass ihre Dörfer bleiben und sich der Kohlebagger nicht direkt vor ihrem Gartenzaun durch die Landschaft wühlt. Jedenfalls haben sie dem früheren Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) geglaubt, als dieser vor mehr als zehn Jahren versprach, Horno sei das letzte Dorf, das der Braunkohle weichen muss. 2005 wurde es abgerissen, die Kirche gesprengt, der Kampf der Bewohner wurde zum Symbol für den Widerstand gegen die Kohle. Im September 2008 lag Post von Vattenfall in den Briefkästen von Atterwasch, Kerkwitz und Grabko. Für den neuen Tagebau Jänschwalde-Nord sollen sie weichen. An anderer Stelle sind das Dorf Proschim und Teile von Welzow vom Tagebau Welzow-Süd betroffen. Für beide Vorhaben läuft das Genehmigungsverfahren. Im nächsten Jahrzehnt könnten sie verschwunden sein.

Der Minister aber redet über den Ausbau der Stromnetze, damit die erneuerbaren Energien, bei denen Brandenburg führend ist, ausgebaut werden können. Er redet über Brandenburgs Rolle als Stromversorger in Deutschland, über die neue Energiestrategie der Landesregierung, die die Menschen hier und die Landespolitik seit Wochen bewegt und bei der Christoffers Partei gespalten ist. „Wir sind gerade am Anfang der Energiewende“, sagt er. Und immer geht es darum, ob Brandenburg an der Braunkohle festhält. „Ich kann nicht garantieren, dass nicht abgebaggert wird“, sagt er. Bei allem bleibt er ruhig. Nur einmal wird Christoffers laut, als ihm vorgeworfen wird, ein Büttel Vattenfalls zu sein. „Ich habe mir in meiner politischen Karriere viel vorwerfen lassen, aber nicht, dass ich korrupt bin.“

Fest steht: Christoffers will offenhalten, ob das Kraftwerke Jänschwalde 2025, wenn das alte abrissreif ist, neu gebaut wird. „Heute sind seriöse Voraussagen dazu, ob dieses Kraftwerk nach 2020 gebraucht wird, noch nicht möglich“, sagt er. Aber er will alle zwei Jahre prüfen, wie es um den Ausbau erneuerbarer Energien und der Stromnetze steht, ob das neue Kraftwerk nötig ist. Diese Revisionsklausel hatte er hier vor einem Jahr versprochen. Damals ging es noch um CCS, Vattenfall wollte ein Kraftwerk mit neuer Technik bauen, womit das Klimagas CO2 abgetrennt wird, das dann in Ostbrandenburg tief unter die Erde gepresst werden sollte. Das Projekt liegt auf Eis, verabschiedet hat sich Christoffers nicht davon. Vattenfall könnte doch noch ein CCS-Kraftwerk bauen und das CO2 über ein europaweites Pipelinenetz fortschaffen. Die Dörfer würden dann abgerissen für die Kohle.

Von der Revisionsklausel wollen sie hier aber nichts mehr wissen. „Wir sollen alle zwei Jahre warten, immer in der Ungewissheit, ob wir bleiben dürfen“, ruft ein Mann in den Saal. „Wir werden gespalten. Es werden Menschen, die durch den Tagebau Arbeit haben, gegen die ausgespielt, die sich um den Verlust ihrer Heimat sorgen.“ Eine anderer ruft, die jahrelange Unsicherheit nehme den Orten die Perspektive, die jungen Menschen zögen weg und Vattenfall spiele sein eigenes Spiel, besonders mit Menschen mit finanziellen Problemen. „Wir werden reif geschossen.“

Als der Saal leer ist, spricht Christoffers immer noch mit einigen Bürgern. Er will sich um ihre Probleme kümmern, etwa welchen Abstand die Bagger zu den Dörfern lassen müssen. Die so aufgebracht waren, sind nun ruhig. Christoffers überzeugt dann doch irgendwie. „Das keine Zustimmung zu erwarten war, ist normal“, sagt er. „Aber solche Abende sind notwendig. Das muss man aushalten.“ Er hat noch einige solche Abende vor sich, auch bei den Gegnern von Windrädern.

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