Zu Besuch auf dem Flughafen Schönefeld : Ägypten-Urlauber sicher in Berlin gelandet

Erleichterung machte sich am Samstag unter den Passagieren der Maschine der Egypt Air breit. Endlich wieder sicheren Boden unter den Füßen. Trotz der Unruhen war aber auch die Maschine nach Kairo nicht leer. Ein Besuch am Gate in Schönefeld.

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Hin und weg: Viele Berliner lieben das Land Ägypten und seine Menschen - aber in diesen Tagen sind sie doch froh, einen Rückflug nach Berlin erwischt zu haben.
Hin und weg: Viele Berliner lieben das Land Ägypten und seine Menschen - aber in diesen Tagen sind sie doch froh, einen Rückflug...Foto: dpa

„Ich habe heute Nacht extra bei Freunden in Kairo übernachtet, um auf jeden Fall meinen Flug zu kriegen. Auf dem Weg zum Flughafen bin ich an Panzern vorbeigekommen“, sagt Selina Schlez. Die 19-Jährige hat ein halbes Jahr lang ihr Freiwilliges Soziales Jahr in Ägypten gemacht, an der Deutschen Schule in Kairo, und sie ist durchs Land gereist, „das ich liebe“. Im Surfer- und Taucherurlaubsort Dahab auf dem Sinai habe man nichts gemerkt von den Unruhen, „aber es war gespenstisch, kaum Touristen“, sagt die junge Frau aus Schildow nahe Hermsdorf. Jetzt drückt sie ihre 16-jährige Schwester Laila und ihren Vater Frank Wunderlich richtig lange.

Selina Schlez gehörte zu den Reisenden, die am Sonnabend mit dem Flug MS 731 der Egypt Air um 14.30 Uhr in Schönefeld gelandet sind. Einige halten hier Begrüßungsrosen in den Händen. Eine 43-jährige Mutter aus Prenzlauer Berg ist glücklich, ihren Mann umarmen zu können. Er war auf Geschäftsreise, ist in der Autoteile-Branche tätig und konnte nicht überall dorthin, wo er Termine hatte. Überglücklich ist auch Hussein Moussa aus Hamburg, „dass ich meine Mutter jetzt bei mir habe“, sagt er im Ankunftsbereich zwischen Rollkoffern und Lautsprecherdurchsagen. Nadia Chinouda, 52, aus Lichterfelde und ihre Familie begleiten derweil Vater und Großvater Victor zum Auto auf dem Parkplatz. Er hatte noch einen der jetzt teurer gewordenen Flüge aus Kairo ins Ausland bekommen hat. „Es ist schlimm, was die Muslimbrüder mit unseren Kirchen machen“, sagt der 81-jährige Deutsch-Ägypter, der in Hurghada am Roten Meer lebt und in Kairo. „Und dass Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama Mursi unterstützen – für mich ist er ein Verbrecher.“ Seine Tochter Nadia arbeitete zuletzt für die Deutsche Botschaft als Ärztin im Urlauberort Hurghada, in dem es auch Opfer unter den Einheimischen gab.

„Ich darf jetzt wegen der Sicherheit nicht dort tätig sein“, sagt die 52-jährige Doktorin. Nun will sie von Berlin aus übers Internet diagnostizieren und Medizin empfehlen, wenn sich jemand etwa beim Kitesurfen verletzt hat.

Man behilft sich, improvisiert, auch die ägyptische Bevölkerung tut das. Einige Ägypter klagen auf dem Airport Schönefeld, dass „Mursi in nur einem Jahr das Land heruntergewirtschaftet hat“. Zwar liefe in den Urlauberhotels alles, aber etwa in Hurghada-Ort habe es in den vergangenen Monaten stundenlang keinen Strom gegeben, Trinkwasser mussten die Einheimischen in Flaschen kaufen. Für „die Unterstützung der ägyptischen Revolution“ demonstrierten auch in Berlin auf einem Zug vom Alex zur ägyptischen Botschaft Hunderte, in Prenzlauer Berg gab es gleich zwei Aufmärsche gegen „die sexuelle Gewalt gegen Frauen“ im Zuge der Aufruhren.

Im oberen SXF-Stockwerk checkt jetzt kaum jemand in den Flug MS 732 um 15.30 Uhr nach Kairo ein. Laut einem Mitarbeiter des Last-Minute-Reisebüros „LMS-Reisen“ haben etwa TUI, ITS und Thomas Cook die Reisen gestrichen. FTI und „Fünf vor Flug“ bieten aber Ägypten noch an, „und ein Elternpaar hat eine ausbezahlte Reise neu gebucht, weil ihr Sohn nach Safaga vorgeflogen ist und sagt, da sei alles normal“. Reisebegleiter erkundigten sich besorgt, ob ihre Gäste etwa aus Japan in Kairo problemlos umsteigen konnten. Manch Urlauber, so ist in SXF zu hören, fliegt nicht, weil er es „ideell nicht gut finde, Cocktails zu schlürfen, wenn Menschen getötet werden“.

Für einige ist die Reise nach Ägypten aber gar keine Frage. „Ich habe nicht Angst, zurückzukehren, aber ich habe Angst um mein Land“, sagt Howayda Badran, 48, an der Kairoer Universität Professorin für Innere Medizin. Sie hatte mit ihrer Tochter Nour, einer Studentin, „Urlaub in Berlin gemacht und geshoppt“. Seifeldin Thabet, 32, und seine Frau Alaa, 31, waren mit ihren drei Kindern ebenfalls auf Touristenvisite, sie finden Berlin und Hamburg toll. Thabet ist Unternehmer, in seiner Milchprodukte- und Getränkefirma seien hunderte Menschen „von den Aufruhren betroffen, pro oder contra Armee, Regierung, Mursi“. Sie selbst wollen Demokratie. Und auch einfach wieder nach Hause.Annette Kögel

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