Berlin : Zu Besuch in Neuköllner Wohnzimmern

Arzu Aydin ist „Stadtteilmutter“ in Neukölln. Sie unterstützt türkische Familien bei der Integration

Lisa Garn

Klare Vorstellungen hat Arzu Aydin von ihrer Mission: „Ich sehe mich als Integrationshelferin. Mit meiner Arbeit möchte ich türkische Familien motivieren, ihre Kinder stärker zu fördern.“ Deshalb sitzt die 26-jährige Türkin heute bei einer Bekannten im Wohnzimmer und will darüber reden, wie man Kinderunfälle vermeidet. Aus ihrer Tasche zieht Aydin mehrere türkische Broschüren und Hefte: zur Verkehrserziehung oder Sicherheit im Haushalt. Die Gastgeberin, Isil Tünek, schaltet währenddessen den Fernseher aus. Ein zweistündiges Gespräch steht den Frauen bevor – das fünfte von insgesamt zehn Treffen.

Arzu Aydin ist „Stadtteilmutter“. Sie besucht türkische Familien zu Hause und berät Mütter wie Isil Tünek bei Erziehungsfragen. Derzeit ist sie mit 27 weiteren, meist türkischsprachigen Frauen im Neuköllner Schillerkiez auf Hausbesuch. Der Bezirk ist nicht erst seit dem Hilferuf der Rütli-Schule im Gespräch. Ein Drittel der Neuköllner ist ausländischer Herkunft, fast die Hälfte von ihnen ist arbeitslos. Rund 50 Prozent der Erstklässler mangelt es an Deutschkenntnissen. Das bedeutet einen hohen Bedarf an Integration. Deshalb startete das Diakonische Werk 2004 das Pilotprojekt „Stadtteilmütter in Neukölln“. Es richtet sich an Familien mit Migrationshintergrund und ist der Versuch, in ihre Wohnzimmer zu gelangen.

Aydins Arbeit beginnt dort, wo deutsche Sozialarbeiter meist vor verschlossenen Türen stehen. Wo Eltern oft nicht ahnen, wie wichtig der regelmäßige Kitabesuch für Kinder ist. „In Neukölln leben viele türkische Mütter isoliert und wissen nicht, woher sie Hilfe bei der Erziehung bekommen können“, sagt Aydin. „Diese Mütter kann ich erreichen, weil ich die gleiche Sprache spreche.“ Seit vier Monaten berät sie vor allem schwangere Frauen sowie Familien mit Kindern bis sechs Jahren. Meistens spricht Aydin die Frauen in der Kita ihrer vierjährigen Tochter Merve-Kiraz an, oder sie selbst wird durch Mundpropaganda empfohlen. Es sind größtenteils die türkischen Mütter, die mit ihr über Sorgen und Probleme reden wollen – nur manchmal ist der Ehemann dabei. „Erziehung ist eben immer noch Frauensache“, sagt Aydin.

Bis 2008 soll das Pilotprojekt auf 200 „Stadtteilmütter“ in Neukölln ausgeweitet werden. Diese flächendeckende Integrationshilfe ist bundesweit bisher einmalig. Die „Stadtteilmütter“, die noch größtenteils ehrenamtlich arbeiteten, bekommen künftig einen festen Arbeitsvertrag im ABM-Rahmen. Die Kosten für das Projekt in Höhe von 915 000 Euro teilen sich Bezirk, Land und Bund.

Themen wie Bildung und Gesundheit stehen bei Aydins Kiezbesuchen auf der Tagesordnung. Sie rät den Frauen, ihre Kinder im Kindergarten anzumelden, gibt Tipps zur Sprachförderung oder zur altersgerechten Fernsehnutzung. Sie ermutigt aber auch zur gesunden Ernährung: „In vielen Familien kommen zu viele Süßigkeiten und zu fettiges Essen auf den Tisch. Das ist einfach ungesund.“

Die 33-jährige Tünek kann da nur zustimmend nicken. Sie hat durch Aydin viel über sich und ihren dreijährigen Sohn Efe gelernt: „Ich weiß jetzt zum Beispiel, wie wichtig es für meinen Sohn ist, gemeinsam etwas zu unternehmen, statt zu Hause zu bleiben und den Fernseher anzuschalten.“ Aydin hat ihr auch geraten, Efe zu einem Kinderpsychologen zu schicken, weil er schüchterner ist als andere Jungen. Der Schritt zur Therapie ist für türkische Familien nicht ganz einfach: „Da gucken manche lieber weg, als nach Hilfe für das Kind zu suchen.“

Den größten Vertrauensvorschuss der Mütter bekommt sie, wenn sie von sich erzählt. Aydin kennt das Leben der Einwandererfrauen, es ist ihr eigenes. Als 17-Jährige kam sie vor neun Jahren nach Berlin, als „Heiratsmigrantin“. Das bedeutet: Ihr türkischer Mann lebte bereits in der Stadt und Aydin musste bei null anfangen. „Alles war fremd. Ich konnte nicht gut Deutsch und habe mich jahrelang zu Hause verkrochen.“ Dann brachte sie eine Tochter zur Welt, wurde aktiv. Sie wollte türkischen Müttern helfen, die in einer ähnlichen Situation waren und mit ihren Erziehungsaufgaben überfordert sind. Über eine Bekannte erfuhr sie vom Projekt „Stadtteilmütter“ und machte die zehnmonatige Ausbildung. Dort bekam sie Theorie-Unterricht, übte Beratungsgespräche und hospitierte in Kitas. „Ich bin glücklich, dass ich Müttern viel beibringen kann. Wenn sie dann mehr Verantwortung für ihre Kinder übernehmen, habe ich einen guten Job gemacht.“ Der Erfolg gibt ihr und dem Projekt recht. Insgesamt haben sich 160 Familien beraten lassen –keine hat die Gespräche abgebrochen.

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