Berlin : Zu Gast bei Joseph Roth

NAME

Joseph Roth ist in die Potsdamer Straße zurückgekehrt. In der Nummer 75 öffnete gestern eine Gast- und Lesestube, die den n des Schriftstellers und Journalisten trägt, der 1920 bis 1925 in Berlin lebte. In der Potsdamer Straße 75 soll er seinen Roman „Das Spinnennetz“ begonnen haben – in einer Konditorei, die sich damals dort befand, wo seit gestern die „Joseph Roth Diele“ einlädt. Nebenan wohnte er damals mit seiner Frau Friedel – es war die einzige feste Wohnung in seinem bewegten Leben, das am 27. Mai 1939 – mit nicht mal 45 Jahren – in Paris endete. Wie der Held seiner „Legende vom heiligen Trinker“ starb auch Roth an den Folgen seiner Trunksucht.

„Heilige Trinker“ waren gestern keine in der Gaststube versammelt, unter deren hohem Plafond man rundum Zitate von Joseph Roth lesen kann. So das: „Geboren in einem winzigen Nest in Wolhynien am 2. September 1894 im Zeichen der Jungfrau, zu der mein Name irgendeine vage Beziehung unterhält“. Zu Maria hat er seit gestern indirekt eine feste Beziehung – die Gründer des Devotionalienladens „Ave Maria“ betreiben auch die Joseph-Roth-Diele.

1996 entschlossen sich die arbeitslose Lateinlehrerin und alleinerziehende Mutter Ulrike Schuster und der Filmregisseur Dieter Funk, nicht auf ein Wunder oder das Arbeitsamt zu setzen, sondern die eigene Kraft. In der Potsdamer Straße 75 machten sie sich mit dem Laden „Ave Maria“ selbstständig. Und wurden berühmt – bis ins japanische Fernsehen kamen sie inzwischen mit ihrem frommen Angebot von Devotionalien und Büchern, anfangs gab es auch Secondhand. Reich wurden sie damit nicht, gerade mal so schlittern beide von einem Monat in den nächsten. Idealistische Unternehmer seien sie, witzelte gestern Funke. Der Roth-Verehrer hatte die Idee mit der Gast- und Lesestube in dem zuletzt als Lager genutzten Laden neben „Ave Maria“. Fast ohne Geld, aber mit viel Phantasie und noch mehr Freunden entstand ein gastliches Schmuckstück, für das sich das „Ave Maria“-Duo noch Caroline Mentz ins Boot holte. Die 31-jährige Hamburgerin wollte nach zwölf Berufsjahren als Krankenschwester mit „Joseph Roth“ noch ein Mal neu durchstarten. Will das neue Etablissement doch nicht nur schlichthin Kneipe sein, sondern auch ein kultureller Treff, in dem vorgelesen wird oder auch gesungen, wie morgen um 19 Uhr 30 bei einem polnischen Liederabend von Brygitta Mich aus Warschau. .

Die gastliche Einrichtung kostete die jungen Leute außer tausenden Arbeitsstunden dabei fast nichts. Die nostalgischen Lampen auf den Toiletten hingen früher im abgerissenen Müggelseeturm. Das Podium, auf dem noch ein kleiner Joseph-Roth-Buchhandel Platz finden soll, entstand aus Einwegpaletten, und die schönen Mosaiken auf dem „Örtchen“ waren Containerabfall einer Fliesenfirma. Den „Marmor für Arme“ zauberte ein junger Kunstmaler aus dem Nebenhaus mit dem Pinsel in den Plafond, und die Collagen mit Roth-Texten schuf ein Graffitikünstler aus der Nachbarschaft – 1,2 Millionen Worte aus Zeitungen hatte der gesammelt. Nur „echte“ Zeitungen fehlen noch – hier hofft man auf sponsorenfreudige Verleger.

Das Team ist christlich – statt Schrippen gibt’s Stullen – man wollte nicht dem Café von nebenan die Butter vom Brot nehmen. Die täglich wechselnden Suppen werden auch christlich geköchelt – im Franziskushof in Zehdenick, der Obdachlosen Heim und Arbeit gibt. Damit sie nicht wie der „heilige Trinker“ enden. Heidemarie mazuhn

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben