Berlin : Zu Hause ein Himmler-Bild und einen Talmud

Bizarrer Auftakt im Prozess gegen Neonazi, der Ströbele schlug

Frank Jansen

Der Mann wirkt gewaltig. Bendix W. ist etwa zwei Meter groß und massig wie ein Gewichtheber. Aber der 36-Jährige versucht, seine wuchtige Erscheinung brav zu verkleiden. Er trägt ein blaues Landhaussakko, eine dunkle Krawatte, eine grüne Weste und eine unauffällige schwarze Hose. Die Haartracht ist bieder, die Kinnbartfräse offenbar frisch gestutzt. Doch die schweren schwarzen Halbschuhe sehen aus wie das übliche Trittwerkzeug der rechten Szene.

Bendix W. hat sich allerdings vorgenommen, vor dem Amtsgericht Tiergarten nicht den Radau-Nazi zu mimen, und gesteht: „Die Anklageschrift entspricht im Groben den Tatsachen.“ Aber dann schränkt er ein: Der Schlag auf den Kopf des Opfers „ist mit der flachen Hand erfolgt“, keinesfalls mit dem zur „Eigensicherung“ herumgetragenen Teleskopschlagstock. Außerdem habe er nicht gewusst, dass es sich um den Kopf des Grünen-Bundestagsabgeordneten HansChristian Ströbele handelte, „das ist mir erst später aufgefallen.“

Ströbele sitzt W. schräg gegenüber. Der Politiker mit dem markanten Weißhaarschopf verteilte am Tattag, morgens kurz nach 7 Uhr, Flugblätter. Es war der 20. September 2002, zwei Tage vor der Bundestagswahl. Der prominente Grüne hatte auf der Warschauer Brücke ein Elektroauto geparkt, auf dem sein Name prangte, und einen Stand mit Ströbele-Poster aufgebaut. Dann passierte es: „Wie ein Blitz traf mich ein Schlag“, sagt Ströbele, „hier hinten, etwas unter den Haaren.“ Die Hand fährt zum Nacken. „In der allerersten Sekunde dachte ich, dass mich ein Auto angefahren hat.“ Dann sei eine große Person dicht herangekommen „und äußerte ,Hurensau‘ oder ,Hurenschwein‘“. Trotz seines Schreckens lief er dem Täter hinterher, drückte mechanisch noch einem Passanten einen Flyer der Grünen in die Hand und stellte W., der sich in einem Hauseingang versteckte. Zwei zufällig anwesende Polizisten nahmen den Täter fest.

Ströbele fragt W., warum er geschlagen habe. Der Angeklagte antwortet, „es tut mir von ganzem Herzen Leid“, aber er sei angetrunken gewesen „und in meiner Heimat haben die Grünen etliche Sachen versiebt“. Die Heimat von W. ist Wandlitz. Nach der Tat fand die Polizei in seinem Haus ein Himmler-Bild, aber auch einen Talmud und eine Kipa. Die jüdischen Utensilien seien für ihn „Kuriositäten“, sagt W., wie sein ausgestopftes Krokodil. Am 9. Dezember will das Gericht das Urteil verkünden.

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