Berlin : Zu kalt, zu warm: Das Tempodrom und seine Temperaturen

Christian van Lessen

Lucia Aliberti, Kent Nagano und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, dazu von Hannelore Elsner gelesene Texte: Der Abend im neuen Tempodrom am Anhalter Bahnhof hätte für rund 3000 Zuhörer so schön sein können. An der Kunst lag das "hätte" nicht. Aber zahlreiche Gäste mussten sich kräftig ärgern, bevor sie Platz nehmen konnten.

Die Mitarbeiter an den überfüllten Garderoben wollten unter größtem Bedauern keine Kleidungsstücke mehr annehmen. Die Abgewiesenen wurden, weil die Zeit zum Programmbeginn drängte, zunehmend nervös, und etliche nahmen schimpfend Mäntel und Jacken mit in die Arena, zogen sich dort mitunter auch Winterstiefel aus. Die Leute konnten froh sein, wenn sich wenigstens irgendeine Nische für zusammengeknüllte Garderobe fand. Denn im großen Rund war es viel zu warm, um einem Konzert im Wintermantel zu lauschen. Vor allem in den oberen Reihen, von wo aus sich bei ausgestrecktem Arm das Dach berühren ließ, herrschte ziemlich dicke Luft. Das vor vier Wochen unter größtem Zeitdruck eröffnete neue Tempodrom gab zu erkennen, dass es unter Kinderkrankheiten leidet.

Während die Besucher bei der Silvestergala ins Schwitzen gerieten, hatten Gäste bei der Operngala einige Tage zuvor das Gefühl, in einem Eiskeller zu sitzen. Wer glücklich seine Garderobe losgeworden war, trauerte ihr schnell hinterher oder schritt zur Tat. "Während der Vorstellung waren ständig andere Gäste unterwegs, um sich wieder ihre Mäntel zu holen", beschwerten sich Besucher beim Berliner Theaterclub. "Wir haben selbst in der Pause genervt und halb erfroren das Tempodrom verlassen", schrieben sie und empfahlen, bei späteren Besuchen eine Thermoskanne mit Glühwein mitzunehmen. Die Lüftungsklappen, stellte sich heraus, waren nicht zugegangen, die kalte Luft strömte ins Haus. Das Tempodrom entschuldigte sich und gelobte Besserung.

Bei der Silvestergala war es dann genau umgekehrt, was aber nicht an einem technischen Defekt liegen soll. Das Orchester hätte ausdrücklich darum gebeten, weil es wegen der Lüftungsgeräusche im Haus um den Genuss klassischer Musik fürchtete, sagte Tempodrom-Chefin Irene Moessinger. Im Sommer hätte man die Fenster öffnen können, aber nun, im tiefsten Winter? Gerade in den oberen Reihen sei es wegen der ausgestellten Lüftung ein bisschen warm geworden, gab die Chefin zu. Und sie gestand, dass man wenigstens in der Pause die Lüftung hätte anstellen können. Auch im Foyer des Tempodroms war die Luft zum Schneiden.

Der Ärger an den Garderoben war Irene Moessinger bis gestern noch gar nicht zu Ohren gekommen. Normalerweise seien genügend Ablagemöglichkeiten für 2900 Gäste vorhanden, ein "extrem kalter Tag" könne schon Schwierigkeiten bereiten. Aber die Leute müssten bei der Suche nach Garderoben den ganzen Bau umrunden, um alle Möglichkeiten zu erkennen, an der Beschilderung werde noch gearbeitet. Das gelte auch für die Toiletten, von denen es mehr als genug gebe. Auch das hatten Gäste bisher bezweifelt, die nicht den Mut fanden, das Haus wie Pfadfinder zu durchqueren.

Mit Geduld und Ausdauer arbeite man daran, die Mängel zu beseitigen, versprach Irene Moessinger. Das Haus sei so schnell eröffnet worden, jetzt müsse es "zugeritten" werden. In drei Monaten soll alles perfekt sein, spätestens dann auch der abends besonders dunkle Vorplatz erleuchten.

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