Berlin : Zu Lande, zu Wasser und in der Kluft

Die einen demonstrierten fürs Tacheles, die anderen gegen den Umbau der Kastanienallee oder gegen Flugrouten. Der Zulauf war sehr unterschiedlich

von und  Andreas Conrad
Foto: Georg Moritz

Martin Reiter mag keine leisen Töne: „Die Mauer muss weg, ihr Spinner“, steht auf dem Plakat, das der Wortführer der Tacheles-Künstler jetzt in die Höhe reckt. Er meint den kürzlich im Auftrag des Zwangsverwalters errichteten Wall, der den Durchgang zur Freifläche hinter der Kaufhausruine versperrt. Ein kleiner Sieg für die HSH Nordbank, die alle Künstler schnellstmöglich aus dem Tacheles haben möchte. Einige 100 Menschen demonstrieren am Samstagnachmittag für die Erhaltung des bedrohten Künstlerhauses, manche haben sich in Clownskluft geworfen oder sich als Fantasiegestalten verkleidet, die Oranienburger Straße ist dort stundenlang gesperrt. Später wird die Musik rockiger, aber erst mal legt Dr. Motte Techno auf, wettert später gegen Konzerne und Politiker aller Parteien und fordert einen „Bundesverband der Bürgerinitiativen“ – damit sich Protestbewegungen endlich besser organisieren und gehört werden. Zuletzt gelingt es ihm sogar, einen kleinen Sprechchor zu initiieren: „Die Mauer muss weg.“

Die Tacheles-Anhänger sind nicht die Einzigen, die sich auf Berlins Straßen empören. Am frühen Nachmittag versammeln sich etwa 100 Protestler auf der Kastanienallee in Prenzlauer Berg, um gegen deren Umbau zu demonstrieren. Auf Zetteln verlangen sie einen Baustopp, auch ein Golden Retriever bekommt die Forderung angeheftet. Die Gruppe zieht von der Ecke Oderberger Straße ein kurzes Stück Richtung nördliches Straßenende, dorthin, wo gegenüber des Prater-Geländes schon der Gehweg teilweise aufgerissen und ein Stück der Fahrbahn weggefräst wurde, hier sollen Parkbuchten hin. Sprecher Matthias Aberle beklagt die Informationspolitik des Bezirks und bringt seine Argumente vor: Der Umbau gefährde Radler, Cafés verlören Kunden, weil der Gehweg verengt werde. Dr. Motte ist auch hier dabei. Noch wirkt der Protest überschaubar, doch das soll sich ändern: Von jetzt an wollen sie jeden Sonnabend über die Kastanienallee ziehen, das nächste Mal mit Megafon. Am 14. Mai ist ein Aktionstag mit Bühnen, Bands, Straßensperrung geplant.

Zehn Kilometer westlich wartet die Wasserschutzpolizei auf dem Stößensee. Ein Bootskorso soll hier gegen Flüge vom neuen Flughafen BBI über Wannsee und Havel protestieren, angemeldet hat Klaus Schulze, Versicherungsmakler aus Kladow. „Nicht nur, weil dies das wichtigste Naherholungsgebiet der Stadt ist, sondern weil sich hier ein Reaktor und die Zentralstelle für radioaktive Abfälle befinden“, sagt der 62-Jährige. Die seien gegen einen Absturz nicht hinreichend geschützt. Die Zahl der Teilnehmer bleibt überschaubar: Schulze segelt auf seiner „SY Moana Manu“, zwei weitere Boote schließen sich an, erst fast am Ziel, dem Berliner Yacht-Club in Nähe des Strandbads Wannsee, kommen noch ein Segelboot und eine Barkasse mit dem Transparent „Flugverbot über Wannsee-Reaktor“ dazu. Die Kapitäne der vielen anderen Boote, die heute auf dem Stößensee, der Havel und dem Wannsee unterwegs sind, haben kein politisches Anliegen. „Die Menschen hier verstehen noch nicht, was an Lärm und Umweltbelastung durch die Überflüge vom BBI auf sie zukommen wird“, ärgert sich Schulze, der extra eine Trommlergruppe engagiert hat, um auf den Korso aufmerksam zu machen.

Für ein fluglärmfreies Berlin-Südost wollen heute um 11 Uhr Bewohner aus dem Bereich Müggelsee vor dem Terminal in Schönefeld demonstrieren. Um 16 Uhr folgt dann im Terminal eine Protestaktion einer Kleinmachnower Demonstrantengruppe.

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