Berlin : Zu Silvester wird gefeiert – und gespendet

Nach der Katastrophe am Indischen Ozean: Berliner Partys und Riesen-Feuerwerk finden statt, doch viele Veranstalter wollen helfen

Sabine Beikler[Tanja Buntrock],Marc Neller

Aus der Beschreibung seiner Silvesterparty im Café Moskau müsste Bob Young jetzt einen Posten streichen. „Silvestergala mit Feuerwerk, Menü, Buffet, Show, Begrüßungsdrink, Drinks inklusive, Livemusik, Mitternachtsimbiss“ war gestern Mittag noch im Internet zu lesen. Das Feuerwerk hat der Partymacher inzwischen abgesagt – eine Reaktion auf die Flutkatastrophe in Südostasien. „Wir wollen das Geld lieber spenden“, sagt Young, Chef des Clubs in der Karl-Marx-Allee. „Es sind nur 300 Euro. Aber uns ging es um die Geste.“ Die Party wird er nicht absagen.

Bob Youngs Reaktion steht für eine generelle Haltung in der Stadt: Silvester wird nicht ausfallen, doch nach der Katastrophe zeichnet sich ab, dass Geld gespendet wird, das unter anderen Umständen im Nachthimmel verglüht wäre.

Die große Silvesterparty am Brandenburger Tor „findet statt wie geplant“, sagte Claudia Bender, Sprecherin des Veranstalters. Auch am Feuerwerk ändere sich „ganz sicher nichts mehr“. Allerdings ist aus dem Umfeld der Veranstalter zu hören, dass Spenden für mindestens eines der Katastrophengebiete gesammelt werden sollen. Auch das kürzlich eröffnete Tropical Islands in Brandenburg hält an seinem Programm fest, gibt aber Geld. „Wir feiern mit Samba. Ein großes Feuerwerk hatten wir ohnehin nicht geplant“, sagte Kathrin Schaffner, „wir haben 5000 Euro an Unicef gespendet. Etliche unserer Künstler und Bauarbeiter haben Angehörige in den vom Unglück betroffenen Regionen.“

Feiern – und spenden. Erich Kotnik vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg heißt diese Haltung gut. „Es brächte nichts, alle Feiern abzusagen, schon gar nicht, dies zu verordnen. Wir sollten das neue Jahr begrüßen“, sagte er. „Nur sollten insgesamt die Dimensionen stimmen, also auch beim Feuerwerk.“ Er glaube aber, dass sich das von selbst ergebe. Schon „deshalb, weil es lange keine solche zeitliche Nähe zwischen einer Katastrophe und Silvester gab.“ Er glaube, dass der tiefe Schrecken, den dieses Ereignis verursache, die Spendenbereitschaft beeinflusse.

Das hoffen auch andere Kirchenvertreter: Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky hat zu Gebet und Spenden für die Opfer der Flutkatastrophe in Südostasien aufgerufen. Der Erlös der Kollekte von allen Gottesdiensten am Neujahrstag und Sonntag solle Caritas International zukommen, schrieb er an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann. Auch Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, hat sich in einem Brief an alle 23 Landeskirchen gewandt und die Gemeinden aufgerufen, den Erlös der Kollekte in den Gottesdiensten zwischen Silvester und Sonntag nach Neujahr der Diakonie-Katastrophenhilfe zu spenden.

Die Berliner Politik schloss sich gestern dem Aufruf des Bundesaußenministers Joschka Fischer (Grüne) an, Geld für die Krisenregionen zu spenden statt es in Böller zu investieren. Berlins amtierender Bürgermeister Harald Wolf (PDS) appellierte an alle Berliner, „zumindest einen Teil des Geldes, das sie für Silvesterfeuerwerk eingeplant haben, zu spenden“. Alle, die sich auf ein fröhliches Silvesterfest vorbereiteten, sollten auch an die Tsunami-Opfer in Südostasien denken. Ähnliche Aussagen machten gestern alle Parteien und Fraktionen.

Soweit die Theorie.

Im Asia-Restpostenladen an der Karl-Marx-Straße in Neukölln, in dem es auch Feuerwerk gibt, stand gestern Mittag eine thailändische Verkäuferin hinter dem Ladentresen. Sie kommt aus Bangkok, wo ihre Familie noch lebt und von der Katastrophe nicht betroffen ist. „Nein, wir sammeln hier nicht für die Opfer“, sagt sie. Zwar wolle sie selbst demnächst eine Spende an eine der Hilfsorganisationen überweisen, aber hier in ihrem Laden lohne es nicht, Gelder zu sammeln. „Die Leute kaufen doch weiter Böller. Und wir sind auch auf die Einnahmen angewiesen.“ Ihr deutscher Kollege fügte hinzu: „Man weiß doch auch gar nicht, ob die Spendengelder wirklich ankommen oder für Verwaltung draufgehen.“

In einem anderen Geschäft stopft ein junger Mann an der Feuerwerkstheke eingeschweißte Raketen und Böller in einen Rucksack. Spenden? „Ich hab’ doch nur für 20 Euro Böller gekauft. “ Ein junger türkischer Familienvater kauft für 10 Euro eine Riesenpackung China-Böller. Er sagte, er werde noch mehr Feuerwerkskörper kaufen. „Aber ich habe meiner Frau gesagt, sie soll 10 Euro über das Internet an eine Hilfsorganisation überweisen. Das hat sie gemacht.“

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