Berlin : Zu viel Ehre für Honeckers Chirurg?

Zum Geburtstag sollte Helmut Wolff an der Charité gewürdigt werden. Aber der renommierte Mediziner wurde als Stasi-IM geführt

Ingo Bach,Rosemarie Stein

Von Ingo Bach

und Rosemarie Stein

Berliner Chirurgen streiten um einen der ihren: Helmut Wolff, ehemaliger Vorsitzender der Berliner Chirurgischen Gesellschaft (Ost), ehemaliger Chef der Chirurgie der Charité – und laut Unterlagen der Birthler-Behörde von 1979 bis Oktober 1989 von der Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter unter dem Decknamen „Becher“ geführt. Eben deshalb wollen einige der Ärzte nicht, dass Wolff am kommenden Sonnabend für sein Lebenswerk geehrt wird.

Anlass ist Wolffs 75. Geburtstag. Ihm zu Ehren organisierten Wolffs Kollegen für den 11. Oktober ein wissenschaftliches Symposium und mieteten dafür den großen Hörsaal der Charité. Das Thema der Tagung sei durchaus brisant, erklärt Organisator Klaus Gellert im Programm: „Die Chirurgie im Spannungsfeld zwischen medizinischem Fortschritt und gesellschaftlicher Entwicklung“. Doch als viel brisanter erweist sich nun die Vita der Hauptperson der Veranstaltung. Das Universitätsklinikum ist nun gar nicht mehr glücklich „mit der Sache“, wie es Charité-Dekan Joachim W. Dudenhausen ausdrückt.

„Die Anmeldung ist ihren üblichen administrativen Gang gegangen“, sagte Dudenhausen dem Tagesspiegel. Und sie wurde genehmigt. Offenbar hat man in der Klinikums-Verwaltung mit dem Namen Wolff nichts Negatives verbinden können, obwohl die Stasikontakte schon 2001 öffentlich gemacht wurden. Der Hörsaal war am 11. April von Gellert, einem Wolff-Schüler, beantragt worden, und zwar im Namen der Berliner Chirurgischen Gesellschaft, deren zweiter Vorsitzender er ist. Doch weder der Erste Vorsitzende der Gesellschaft, Peter Schlag, noch Vorstandsmitglied Harald Gögler und Schriftführer Ernst Kraas wussten etwas davon und distanzieren sich vehement von dieser Ehrung. Der Ehrenvorsitzende der Gesellschaft, Gert Specht, wird dagegen „selbstverständlich“ auf dem Symposium sprechen. „Helmut Wolff hat viel für die Chirurgische Gesellschaft getan.“

In der Charité überlegt man jetzt, „wie diese Sache noch zu verhindern ist“, sagt Dekan Dudenhausen. Die Chancen, aus dem Mietvertrag wieder herauszukommen, sind allerdings nicht sehr groß.

Auch Organisator Gellert rudert zurück. Er habe das Symposium als Privatperson beantragt. Aus dem Antrag, der dem Tagesspiegel vorliegt, geht dies jedoch nicht hervor. Dort heißt es: „Die Berliner Chirurgische Gesellschaft sowie Berliner Chirurgische Krankenhäuser planen ein Meeting zu Ehren von Herrn Prof. Dr. Dr. Wolff … Im Namen der Berliner Chirurgischen Gesellschaft bin ich der wissenschaftliche Leiter dieser Veranstaltung und auch der entsprechende Ansprechpartner für Sie.“

Helmut Wolff kann die Aufregung um seine Person nicht verstehen, genauso wenig wie die Vorwürfe. „Ich habe niemals eine Verpflichtungserklärung als IM bei der Stasi unterschrieben“, sagte er dem Tagesspiegel. „Und ich habe niemals jemanden ausspioniert.“ Aber natürlich habe er „Kontakte gehabt“. Als renommierter Arzt sei er des öfteren ins westliche Ausland gereist und habe entsprechende Berichte an die Personalabteilung des Uniklinikums schreiben müssen, die dann wohl an die Stasi weitergeleitet worden seien.

Tatsächlich war Wolff ein hochangesehener Spezialist. 1986 gelang ihm die erste Herztransplantation in der DDR, schon 1977 war ihm dies mit einer Leber geglückt. Im August 1989 – kurz vor dem Mauerfall – operierte er den DDR-Staatschef Erich Honecker, der 1994 an Leberkrebs verstarb.

Nach der Wende überschütteten Kollegen den erfahrenen Arzt mit Lob. Aber 2001 löste eine geplante Auszeichnung für Helmut Wolff in der Chirurgischen Gesellschaft heftige Debatten aus. Auf den Vorschlag, ihn zum Ehrenmitglied zu ernennen, reagierten einige Mitglieder mit einem offenen Brief: „Dass einer, der sich in der DDR durch Bespitzelung von Kollegen aus Ost und West Vorteile verschafft hatte – nicht angeblich, sondern beurkundet, bewiesen und bezeugt –, mit dieser Ehrung bedacht werden soll, stellt eine Verhöhnung ehrlicher und aufrichtiger Chirurgen dar. Wir sind weit davon entfernt, fachliche Verdienste herabzuwürdigen, aber einem Informanten des MfS steht diese Ehrung nicht zu.“ Wolff hatte daraufhin auf die Ehrenmitgliedschaft in der Gesellschaft, die in Berlin rund 1100 Mitglieder vereint, verzichtet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben