Berlin : Zu viel ist ungesund

Ernährungsforscher Gerhard Rechkemmer über die richtige Dosierung lebenswichtiger Stoffe

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Foto: Vario-ImagesFoto: Joachim E. Roettgers GRAFFITI

Herr Rechkemmer, was sind Vitamine?

Stoffe, die wir für bestimmte biochemische Abläufe in unserem Körper benötigen und die wir mit unserer Nahrung zu uns nehmen müssen, um eine Mangelernährung zu vermeiden. Nach neueren Untersuchungen ist das für einige Vitamine allerdings umstritten. Vitamin K wird zum Beispiel bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auch durch Bakterien im Darm gebildet und es ist unklar, in welcher Menge wir es von außen aufnehmen müssen. Bei Neugeborenen aber wird prophylaktisch Vitamin K verabreicht um Blutungen, etwa im Gehirn, zu vermeiden.

Gibt es Vitamine, mit denen wir nicht ausreichend versorgt sind?

Für die Erwachsenen ergab sich in der „Nationalen Verzehrsstudie II“ des Max Rubner-Instituts eine überwiegend ausreichende Versorgung mit Vitaminen im Vergleich zu den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Für Vitamin D und Folsäure werden die Empfehlungen jedoch häufig nicht erreicht.

Sollen wir alle also Vitaminpillen nehmen?

Nein. Frauen im gebärfähigen Alter sollten 400 Mikrogramm Folsäure zu sich nehmen, denn ein Mangel erhöht das Risiko einer Entwicklungsstörung des ungeborenen Kindes. Auch Menschen, die sehr wenig Gemüse essen, nehmen häufig zu wenig Folsäure zu sich und könnten solche Nahrungsergänzungsmittel brauchen. Für alle anderen sehe ich keine Notwendigkeit.

Und Vitamin D?

Hier empfiehlt sich eine Messung des Vitamin-D-Status. Man kann seine Blutwerte für 25-OH-Vitamin D3 untersuchen lassen und daraus entnehmen, ob der empfohlene Wert erreicht wird. Das kann jeder beim Arzt machen lassen, muss das aber gegenwärtig als individuelle Gesundheitsleistung selbst bezahlen.

Aber gerade bei Vitamin D wird zurzeit heiß diskutiert, ob es in hohen Dosen einen zusätzlichen positiven Effekt gibt.

Stimmt. In Tierversuchen hat man zeigen können, dass Vitamin D nicht nur eine Rolle für gesunde Knochen spielt, sondern zum Beispiel auch für eine gesunde Muskulatur. Bei verschiedenen Krebsgeweben hemmt Vitamin D das Wachstum der Tumorzellen.

Also: Vitamin D in hohen Dosen nehmen?

Ich wäre da vorsichtig. Insgesamt wissen wir zu wenig darüber, in welchen Dosierungsbereichen zusätzliche gesundheitliche Effekte auftreten.

Ist die Überdosierung denn eine Gefahr?

Ja, wenn man es übertreibt, weil man besonders gesundheitsbewusst sein will, kann das auch negative Wirkungen haben. Das gilt vor allem für die fettlöslichen Vitamine A, D, und E. Denn die sammeln sich im Fettgewebe an und bleiben lange Zeit im Körper.

Die Fragen stellte Kai Kupferschmidt

Gerhard Rechkemmer (59) ist Ernährungswissenschaftler und seit 2007 Präsident des Max-Rubner-Instituts (Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel) in Karlsruhe.

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