Berlin : Zu viel Sicherheit ist schlecht fürs Geschäft

Wegen der Gefahrenlage sind in Mitte seit Wochen mehrere Straßen voll gesperrt. Bei Händlern und Wirten brechen die Umsätze ein

Lothar Heinke

Diana Fraulin, die schöne Wirtin des italienischen Restaurants „Viale dei Tigli“ an der Ecke Wilhelm-/Behrenstraße, schaut zornig auf die abgesperrte Straße. „Es ist eine Katastrophe!“, ruft sie. Vergangenen Sonntag hat sie 300 Euro eingenommen, am Sonnabend 350 Euro. Die Hälfte von dem, was sie früher an Wochenenden verdiente. Früher, das war vor dem Irak-Krieg, bevor die Wilhelmstraße vor der Britischen Botschaft gesperrt wurde und sie den direkten Draht zum Brandenburger Tor, zu den Linden, den Flaneuren, den Gästen verlor. Einen Monat, sagt sie, könne sie so weitermachen. Aber dann?

Rot-weiße Gitter und ein halbes Dutzend Polizisten hindern jeden, der sich nicht als Mitarbeiter der British Embassy oder des Bundestages ausweisen kann, am Passieren der Wilhelmstraße. Der Verkehr sucht sich Umwege, die Omnibusse 200 und 348 lassen zwei Haltestellen aus. Die Maßnahmen sind einschneidender als nach dem 11. September. Damals konnten Fußgänger noch die Straßenseite gegenüber der Botschaft benutzen. Jetzt ist die ganze Straße gesperrt. Und keiner weiß, wie lange noch. Ein Ende des Irak-Kriegs ist nicht abzusehen.

Diese Prognose und die derzeitige Lage an einem abgeriegelten Straßenstück bringt viele Geschäftsleute zur Verzweiflung. Im sonst gut besuchten „Block House“ spricht man von „massiven Einwirkungen, vor allem abends“, die Apotheke Wilhelmstraße 56 beklagt den seit Kriegsbeginn dauernden Rückgang an Kunden, und auch im Reisebüro am Brandenburger Tor hält Gudrun Mertschenk die Sperrung des Eingangs zur Touristen- und Geschichtsmeile Wilhelmstraße für „ziemlich geschäftsschädigend“. Hinzu kommt die ohnehin abwartende Haltung beim Buchen von Urlaubsreisen.

Diana Fraulin ärgert sich auch über den Stil der Behörden. Niemand habe sie über die Sperrung informiert. Sie schlägt vor, ein Schild an der Straße Unter den Linden aufzustellen, das auf die vielen Geschäfte in der Wilhelmstraße hinweist. Auf Entschädigung hofft sie nicht, da habe sie ihre Lehrstunden gehabt. Die Behrenstraße war lange eine Baustelle, das Hotel Adlon wurde gebaut und die Britische Botschaft. Alles direkt vor ihrer Tür, immer Staub in der Suppe der Gäste. Der Senat habe gesagt, er könne nicht helfen, sagt Diana Fraulin. Sie habe dann noch einen Anwalt eingeschaltet, der habe aber nur Geld gekostet und auch nichts erreicht (siehe Kasten).

Noch weiträumiger ist die US-Botschaft gesperrt. Direkt an der vergitterten Einfahrt ins Botschaftsgelände, das sich über Dorotheen-, Mittel- und Neustädtische Kirchstraße bis zu den „Linden“ ausgebreitet hat, kann man am Café Einstein beobachten, wie der Krieg vor die Haustür gekommen ist. Sperrgitter, Straßenbäume und Hausfassaden sind zur Anti-War-Pinnwand geworden. „Manchmal hat das etwas von Hyde-Park“, sagt Markus Löning von der FDP. Sein Bundestagsbüro liegt wie ein Logenplatz gegenüber dem Open-air-Festival der Friedensfreunde. „Mal steigt einer vom Fahrrad, redet zehn Minuten lang – und fährt weiter. Dann versucht eine Band, Hare-KrishnaGesänge zu überspielen. Und die Debatten am Straßenrand sind auch nicht immer leise.

Das Café Einstein hat seinen Ausschank auf dem Mittelstreifen angesichts der Belagerung eingeschränkt, „ansonsten sei alles friedlich, bis auf den Tag, als da plötzlich einer einen Koffer abgestellt hatte, dessen Inhalt sich als harmlos erwies“, sagt Restaurant-Chef Dieter Wollstein. Direkt am Gitter liegt ein breites Buch, die weißen Seiten sind aufgeschlagen, jeder soll schreiben, was er denkt. Brecht kommt vor, Erich Kästner und die „Kleine, weiße Friedenstaube“, mit der die ganze DDR aufgewachsen ist. Und ein Jopi, der sich Einzelkämpfer nennt und auf einem braunen Karton „Bush, G. W. und Plair, T.“ zu einem Boxkampf herausfordert, aber bitte über zwölf Runden.

Abends flackern die Kerzen und läutet die Friedensglocke mit der Inschrift „Ich bin ein Gast auf Erden“ auf verlorenem Posten. Dort wähnt sich auch Günter Windhorst. Seine Bar in der Dorotheenstraße liegt neben der US-Botschaft – und damit in der Sicherheitszone. Und in einer Sackgasse. Eine Zeit lang mussten die Gäste der Polizei ihre Ausweise und Taschen vorzeigen. Zwischendurch wurden die sichersten Drinks Berlins berühmt. Erst Kontrolle, dann Caipirinha, das war witzig. Die Ausweise kontrolliert inzwischen keiner mehr. Man kommt ganz normal ins Windhorst. Aber voll wird es trotzdem selten. Offenbar haben die Leute das Hin und Her satt, vermutet Windhorst, oder sie haben Angst vor Anschlägen. Um Schadenersatz bat er beim Bundesinnenministerium, dem Regierenden Bürgermeister und dem Finanzsenator. Der lehnte ab. Jetzt will er die US-Botschaft fragen.

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