Berlin : Zu wenig Impfungen: Ärzte schlagen Alarm

Viele Kinderkrankheiten kehren zurück – aber viele Eltern verzichten darauf, ihre Kinder schützen zu lassen

Ingo Bach

Röteln, Mumps, Masern oder Keuchhusten – Kinderärzte warnen vor neuen Epidemien von Krankheiten, weil zu wenig Kinder geimpft werden. Die Bereitschaft von Eltern, ihre Sprösslinge schützen zu lassen, sei zu gering, sagte Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Er fordert, wie berichtet, eine Impfpflicht für Kinder, die in eine Kindertagesstätte oder in eine Schule kommen sollen.

Auch in Berlin sind Mediziner besorgt. Experten stellen vor allem in der sozialen Oberschicht West-Berlins, also Einwohnern mit überdurchschnittlich guter Bildung und überdurchschnittlichem Einkommen, einen verbreiteten Unwillen fest, Kinder gegen die vermeintlich harmlosen Kinderkrankheiten Mumps, Masern und Röteln zu immunisieren. Anders sei das bei Diphterie, Tetanus und Kinderlähmung, die offenbar als gefährlich wahrgenommen würden. Mehr als 95 Prozent der Berliner seien gegen diese Krankheiten geimpft, im Vergleich zum Bundesdurchschnitt sei das „sehr gut“, sagt Dietrich Delekat, Facharzt für Kinderheilkunde in der Senatsgesundheitsverwaltung. „Aber rund 20 Prozent der Oberschicht-Eltern in West-Berlin lassen ihre Kinder nicht gegen Röteln schützen, das ist mehr als doppelt so viel als in der dortigen Mittel- und Unterschicht.“

Gerade in anthroposophischen Kreisen glaubt man, dass Kinder die harmlosen Kinderkrankheiten durchmachen sollten, um die Psyche und das Immunsystem zu stärken. Kinderärzte nennen diese Ansicht einen gefährlichen Unfug. „Das Risiko von Nebenwirkungen einer Impfung – zum Beispiel Rötungen, Schwellungen oder Fieber – ist auf jeden Fall geringer, als die möglichen Gefahren einer Nichtimpfung“, sagt der Schöneberger Kinderarzt Wolfram Singendonk. Masern zum Beispiel. Brechen diese aus, wird das Immunsystem des Kindes über vier bis sechs Wochen stark geschwächt. Die Folge: Der Organismus wird anfällig für schwere bakterielle Infekte, zum Beispiel eine Hirnentzündung. „Kommt die Krankheit ab dem 12. Lebensjahr zum Ausbruch, dann steigt das Risko einer Hirnentzündung bis auf das Zehnfache“, sagt der Berliner Impfexperte Burghard Stück. Oder Röteln: Treten sie bei Erwachsenen auf, bestehe die Gefahr von Gelenkerkrankungen. Und Frauen riskieren bei einem Ausbruch während der Schwangerschaft, ein blindes oder hörgeschädigtes Kind zur Welt zu bringen.

Bestätigung verspürten Impfskeptiker kürzlich durch Nachrichten über vier unklare Todesfälle von Kleinkindern in den Jahren 2000 bis 2003 nach so genannten Sechsfach-Impfungen, die Kinder gegen sechs Krankheiten auf einmal immunisieren. Im Rahmen einer Studie zu den Ursachen des plötzlichen Kindstods, die das Robert-Koch-Institut für Januar 2005 vorbereitet, soll auch dieser mögliche Zusammenhang geprüft werden.

Einen Impfzwang lehnen die befragten Kinderärzte ab. Sie setzen stattdessen auf Aufklärung. Und schließlich: „Viele der Eltern, die ihren Sprössling als Kleinkind nicht impfen lassen, holen das umstandslos dann nach, wenn er an eine amerikanische Elite-Schule wechseln will“, sagt Experte Stück. Denn an vielen US-Schulen gelte: Keine Impfung, keine Aufnahme.

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