Berlin : Zu wenig Lehrer: Böger mobilisiert die letzten Reserven

Personal wird umverteilt, damit nicht noch mehr Unterricht ausfällt – keine Vertretungsstunden mehr

Susanne Vieth-Entus

Berlins Schulen steuern auf einen eklatanter Lehrermangel zu. Damit nach den Ferien nicht zu viel Unterricht ausfällt, lässt Bildungssenator Klaus Böger (SPD) jetzt überall kleinste Personalüberhänge sammeln und verteilt sie um. Selbst genehmigte Schulversuche werden geopfert, um anderswo Lehrer-Lücken zu stopfen. Die Opposition ist besorgt, dass die Schulen bei der Deutschförderung für ausländische Kinder Abstriche machen werden, um zumindest den regulären Unterricht abdecken zu können. Doch bald sei nicht einmal mehr der gesichert.

„Im Herbst kann die Stundentafel nicht gehalten werden, wenn es keine Neueinstellungen gibt“, sagt CDU-Schulexperte Gerhard Schmid. Für Özcan Mutlu von den Bündnisgrünen steht fest, dass „SPD und PDS die Integration kaputt machen“, wenn das Lehrpersonal fehlt.

Besonders dramatisch ist die Lage an den Grundschulen. In etlichen Bezirken fehlen noch immer Lehrer. Dutzende Grundschulen sollen das neue Schuljahr mit einer Personalausstattung „von unter 100 Prozent“ beginnen. Das heißt: Sie haben keine Vertretungsreserve und müssen überdies größere Klassen als empfohlen einrichten, um mit den Lehrern auszukommen. Das Personal ist so knapp, dass die Grundschule am Rohrgarten zweieinhalb Lehrerstellen zu wenig hat, um ihr Montessori-Profil erfüllen zu können. Die Eltern haben sich nun an den Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses gewandt.

Aber auch die Oberschulen müssen Federn lassen. „Wir liegen bei 98 Prozent. Es gibt keine Reserven mehr“, berichtet ein alarmierter Schulleiter aus Reinickendorf. Leistungskurse und Grundkurse müssen teilweise zusammengelegt werden, weil für kleine Lerngruppen das Personal nicht reicht. Eine Zwölftklässlerin des Goethe-Gymnasiums in Lichterfelde beklagt, dass die einzige – „und vor allem sehr gute“ – Philosophie-Lehrerin abgezogen wird: Da Philosophie kein Pflichtfach ist, muss sie gehen, denn die Schule muss Lehrer abgeben, damit sie rein rechnerisch nicht über 100 Prozent Personalausstattung liegt. Rund 290 Lehrer müssen von Ober- an Grundschulen wechseln.

Aber selbst das reicht nicht. In Tempelhof-Schöneberg fehlen noch 15 Grundschullehrer – und das, obwohl hier die Förderstunden für „Deutsch als Zweitsprache“ bereits halbiert wurden, um Stellen zu sparen. Offiziell wird die Halbierung damit begründet, dass die Schulen beim Sprachtest „Deutsch plus“ so gut abgeschnitten hätten, dass sie nicht mehr so stark gefördert werden müssten. Allerdings gibt es wie berichtet große Zweifel daran, dass der Kurztest „Deutsch plus“ genug Aussagekraft besitzt, um daraus die Personalzumessung abzuleiten.

Vor allem Schulen im sozialen Brennpunkt befürchten, dass Erreichtes verloren geht. So war die Spreewald-Grundschule hinter dem „Sozialpalast“ jüngst sehr stolz auf ihr gutes Abschneiden bei den Vergleichsarbeiten. Dies habe man erreicht durch eine besonders intensive Förderung in den ersten beiden Klassen, sagt Schulleiter Erhard Laube. Doch wegen der Stellenstreichungen bei der Sprach- und auch bei der Behindertenförderung sei das Niveau kaum zu halten.

„Jeder Lehrerausfall wird zu weiterem Unterrichtsausfall führen“, sagt CDU-Mann Gerhard Schmid. Schon jetzt fallen drei Prozent der Stunden ersatzlos aus: etwa 15000 pro Woche – bei vergleichsweise guter Personalausstattung. Neuköllns Volksbildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) sieht nur noch einen Weg, um den drohenden Stundenausfall in den Griff zu bekommen: „Ohne flexible Beschäftigungsverhältnisse und Honorarkräfte geht es gar nicht.“

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