Berlin : Zuckersüße Verweigerung

Dorothee Nolte

Sie hätten es tun können. Sie hätten einen Fußball aus Zuckermasse formen und Fähnchen draufsetzen können, sie hätten lauter kleine Zucker-Fußballerchen drum herum aufstellen können, sie hätten werbewirksam einen Zuckerhut ins Schlosshotel Grunewald schicken können – Zucker, der Energiespender schlechthin! Das brauchen unsere Jungs doch!

Sie haben es nicht getan, zum Glück. Das Zuckermuseum in Wedding verweigert sich konsequent dem WM- Rummel. Wenn die schweren Türen des wilhelminischen Gebäudes hinter dem Besucher zufallen, umgibt tiefer Friede die gebeutelte Seele. Ein paar Treppen rauf, vorbei an den Büsten der Entdecker des Rübenzuckers Andreas Sigismund Markgraf und Franz Carl Achard, und schon ist man in der Ausstellungsetage und mittendrin in der faszinierenden Geschichte eines Nahrungsmittels, das jahrhundertelang als Luxusgut galt. Mühselig geerntet von schwarzen Sklaven auf Zuckerrohrplantagen, wurde das süße Gold nach Europa geschafft und dort weiterverarbeitet – bis die Entdeckung des Zuckers in der Runkelrübe 1747 den Import von Rohrzucker langfristig überflüssig machte.

WM-vergessen vertieft sich der Besucher in die ausgestellten Zuckerhüte, Zuckerdosen, Karikaturen und Anbaugeräte. Zu Hause würzt er den Kaffee mit einer maßvollen Menge Zucker und denkt sich: Ich könnte jetzt den Fernseher anmachen. Ich tue es nicht.

Zuckermuseum, Amrumer Straße 32, montags bis donnerstags 9 bis 16.30 Uhr, sonntags 11 bis 18 Uhr. Eintritt frei.

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