Berlin : Zügige Züge

Die U-Bahn macht Tempo: Neue Berechnungen lassen höhere Geschwindigkeit in Kurven zu – das erspart Zeit und Geld

Klaus Kurpjuweit

Die U-Bahn wird schneller, ohne dass die BVG große Umbauten an den Gleisanlagen vornehmen muss. Fahrgäste kommen dadurch früher ans Ziel, und der Verkehrsbetrieb spart Kosten, weil er weniger Bahnen und Fahrer einsetzen muss. Für dieses Ziel haben die BVG-Ingenieure nur fleißig rechnen müssen.

Eine Schrift aus den 30er Jahren hatte es ans Licht gebracht. Ihr hatten Mitarbeiter nach einem Bericht der BVG-Zeitung „Profil“ entnommen, dass die Bahnen damals schneller durch Kurven fahren durften als heute. Sie waren so ausgebaut, dass in den Kurven die Geschwindigkeit nicht verringert werden musste. Im so genannten Kleinprofilnetz der Linien U 1 bis U 4 waren damals generell 40 Stundenkilometer erlaubt; im Großprofilnetz der Linien U 5 bis U 9 waren es sogar 50 Stundenkilometer. Gebremst wurden die Züge erst in den 60er und 70er Jahren. Damals wurde die zulässige Geschwindigkeit für jede Kurve im gesamten Netz nach einer neuen Formel berechnet. Dabei gibt es einen „Komfortwert“ für die Fahrgäste, einen Grenzwert für die Sicherheit und einen Entgleisungswert. Versuche hatten inzwischen jedoch ergeben, dass der Komfortwert auf fast allen Strecken um 10 Stundenkilometer gesteigert werden kann, ohne dass den Fahrgästen reihenweise übel wird. Und auch die Sicherheit sei gewährleistet.

Deshalb hatten die BVG-Ingenieure im vergangenen Jahr begonnen, alle Kurven im Netz der U-Bahn neu zu vermessen und neue Höchstgeschwindigkeiten zu berechnen. So konnten die Züge Tempo machen.

Ganz ohne Bauarbeiten kam die BVG dabei aber doch nicht aus. Gleise wurden auch begradigt, wo der enge Tunnel es zuließ, und Gleise in Kurven erhöht, was ebenfalls höhere Geschwindigkeiten ermöglicht. Diese Arbeiten erfolgen meist bei ohnehin notwendigen Gleissanierungen.

Die erste schnelle Linie war die U 6 (zwischen Alt-Tegel und Alt-Mariendorf), gefolgt von der U 7 (Rathaus Spandau – Rudow), und 2003 ist die U 8 (Wittenau – Hermannstraße) an der Reihe. Im Bahnhof Hermannstraße will die BVG auch durch den Einbau einer Weiche vor dem Bahnsteig Tempo machen. Dadurch können die Züge gleich vom Bahnsteig aus zur Rückfahrt starten, ohne vorher in die Kehranlage fahren zu müssen. Beim Bau der 1996 eröffneten Station hatte die BVG noch darauf bestanden, hinter dem Bahnsteig eine Kehr- und Abstellanlage zu bauen – für rund 40 Millionen Euro. Der Verkehrsexperte der Grünen, Michael Cramer, hatte sich damals vergeblich für einen Verzicht auf die seiner Ansicht nach überflüssige Anlage eingesetzt. Preiswerter wird das Tempomachen wiederum auf der U5 zwischen Alexanderplatz und Hönow. Dort werden die Züge derzeit von einer veralteten Sicherungstechnik gebremst. Die Bremswege hinter den Signalen lassen bislang nur Tempo 60 zu. Bei der erforderlichen Sanierung der Strecke, die deshalb, wie berichtet, im nächsten Jahr zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Allee für drei Monate gesperrt wird, will die BVG nun auch die Standorte der Signale so ändern, dass die Züge „70“ fahren dürfen. 2005 sollen diese Arbeiten abgeschlossen sein; 2006 will die BVG alle Strecken im Netz optimiert haben. Fünf Züge kann das Unternehmen dann einsparen, ohne das Angebot zu verschlechtern.

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