Berlin : Zünftig

Annette Kögel

Der Autofahrer aus Berlin muss gedacht haben: Diese Goldschmiedin - die ist bestimmt mein Juwel. "Der Typ hielt und wollte mich mitnehmen. Aber er musste in eine andere Richtung." Wenig später bremste der Mann noch einmal neben der Tramperin. Christine Apel lacht. "Er hat gesagt, in seinem Horoskop hätte gestanden, dass er heute die Frau seines Lebens kennenlernt." Wer weiß. Die E-Mail-Adressen haben sie jedenfalls ausgetauscht.

An Flirten per Computer war noch nicht zu denken, als die ersten Gesellen vor Hunderten von Jahren auf Wanderschaft gingen. "Das war damals ein Befreiungsschlag gegenüber den Meistern", erzählt die Frau aus Göppingen der Passantin am Kurfürstendamm. Die 24-Jährige hat sich aber aus anderen Gründen für ein Leben auf der Walz entschieden. "Ich fühle mich endlos frei, so frei bin ich nie wieder".

Drei Jahre und einen Tag hat sich Christine "fremdschreiben" lassen: An ihren Heimatort zwischen Stuttgart und Ulm darf sie nicht näher heran als bis auf fünfzig Kilometer. Los ging es am 11. August um Mitternacht, die ersten Kilometer zu Fuß, wie sich das gehört. Die Reise hat sie schnell nach Berlin geführt. "Ich könnte mir gut vorstellen, hier eine Weile zu leben. Anders als in New York, die Stadt wäre mir echt zu groß."

Christine Apel ist auf eigene Faust unterwegs, sie gehört keinem Schacht an - einer Art Berufsgenossenschaft der Gesellen auf Wanderschaft. Trotzdem beherzigt die Süddeutsche auf Stippvisite im Nordosten als "zünftig Freireisende" die Regeln der Leute auf der Walz. Also möglichst keinen Pfennig für Fortbewegungsmittel ausgeben - auch nicht für die Strecke von Braunschweig nach Berlin. "War kein Problem. Ich habe einen Direktlift bekommen: mit 250 Sachen über die Autobahn. Die Adresse meines Bruders hatte der Geschäftsmann gleich in dieses Navigations-Ding im Auto eingegeben." Am Abend war Christine Apel bei der Einweihungsparty der neuen WG bei Florian - am nächsten Morgen hat sie sich den Wecker gestellt: Start zur Bewerbungstour bei Juwelieren in Charlottenburg.

Einen Job hat sie nicht bekommen - aber Blasen an den Füßen. "Die Leute meinten, das Berliner Weihnachtsgeschäft laufe nicht mehr so gut wie früher. Einige haben mir dann netterweise einen Schein für die Reise in die Hand gedrückt." Die 24-Jährige ist staatlich geprüfte "Formgeberin Fachrichtung Schmuck und Gerät". Kryptische Berufsbezeichnung, kreativer Job. "Ich arbeite gern mit Gold, das ist edel und hat eine tolle Farbe." Nach rund drei Monaten Arbeit zieht es die 24-jährige Gesellin aber wieder in eine andere Goldschmiede. "Wenn die Hunde nicht mehr bellen und der Briefträger nicht mehr grüßt, musst du weiter."

In Berlin geben die Köter noch Ruhe. "Eine tolerante Stadt. Die Leute gucken nicht so komisch wie Zuhause. Berliner sind halt einiges gewöhnt." Trotzdem zieht sie die Blicke auf sich, die Frau mit lila Haarsträhnen und der Gesellenkluft, wie sie alle rund 600 Steinmetze und Schmiede, Maler und Schlosser auf der Walz tragen. Zehn Prozent der weltenbummelnden Gesellen sind Frauen. Nur die Farbe verrät, welchen Job sie ausüben: Holzberufler wie Zimmerleute erkennt man an der schwarzen Kleidung, Landschaftsgärtner hüllen sich in Grün, Schneider in Rubinrot - und Goldschmiede wie Christine Apel kleiden sich als Vertreter der Metallwerker Dunkelblau. Mehr als ein Bündel überm Rücken haben Fremdgeschriebene nicht dabei. "Vier Hemden, Socken, Unterwäsche, eine Schlabber-Jogginghose - und den Schlafsack."

"Manchmal ist das schon ziemlich anstrengend", sagt die Wandersfrau. Wären da nicht die netten Begebenheiten am Rande. Die bewundernden Blicke. Die unerwarteten Gespräche. "Es laufen einem auch recht schmucke Gesellen über den Weg." Schlechte Karten für den Autofahrer aus Berlin.

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